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An dieser Stelle finden Sie eine Auswahl unserer persönlichen Highlights im Bereich der Erwachsenen-, Kinder-/Jugend- und Sachbuchliteratur sowie einige Spielfilm-Tipps. Wenn Sie das jeweilige Buchcover anklicken, kommen Sie zur Leseprobe und können so ganz bequem ins Buch reinlesen (ggf. etwas längere Ladezeit) !
 
 
 
Der Verdacht

Audrain, Ashley
Der Verdacht
München: Penguin Verlag, 2021
ISBN 978-3-328-60144-9

Violet ist ein Wunschkind, doch ihre Mutter Blythe hegt von Geburt an ein großes Misstrauen gegenüber ihrem Kind. Dabei wollte sie ihrer Tochter so viel Liebe geben – etwas, dass sie selber in ihrer Kindheit schmerzlich vermissen musste. Doch je älter Violet wird, umso mehr lehnt sie Blythe ab. Für dieses feindselige, Angst schürende Verhalten findet Blythe keine Erklärung und ihr Mann Fox, der seine Tochter von Herzen liebt, nimmt alles gänzlich anders wahr. Ist alles nur Einbildung? Oder ist das Mädchen tatsächlich böse?

M.D.: Dieser aufwühlende, spannende Roman hat mich von der ersten Seite in ihren Bann gezogen. Stilistisch brillant erzählt Audrain hier die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung, die von Angst, Zweifeln und dem Wunsch zu lieben und geliebt zu werden geprägt ist. Das klassische, traditionelle Familienbild (der Mann verdient das Geld, die Frau wird in die Mutter und Hausfrau- Rolle gedrängt) wird ebenso thematisiert wie Alltagsprobleme und Trott, die es wohl in jeder Familie geben dürfte. Bisher also eher bekannter Stoff. Doch von der ersten bis zur letzten Zeile schwingt das Böse mit, das unaufhaltsam aus Violet quillt. Oder bildet ihre Mutter Blythe sich das alles nur ein? Letztlich geht es um die Frage, ob ein Kind von Natur aus bösartig sein kann oder diese Bösartigkeit nur durch Erziehung und Erfahrung entsteht. Für alle, die „We need to talk about Kevin“ gelesen  bzw. gesehen und geliebt haben.

Der Fall Richard Jewell

Der Fall des Richard Jewell
Spielfilm (Melodram), USA 2020
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: u.a. Paul Walter Hauser, Sam Rockwell, Kathy Bates,…

1996, Olympische Spiele in Atlanta. Wachmann Richard Jewell, ein übergewichtiger Junggeselle und Möchtegern-Polizist, der noch bei seiner Mutter wohnt, entdeckt zufällig einen verdächtigen Rucksack unter einer Bank im Centennial Park. Dank ihm tötet die darin enthaltene Rohrbombe nur einen Menschen, 111 werden verletzt. Zuerst für seine Heldentat medial gefeiert und geehrt, wird Jewell kurz darauf selbst zu einem der Hauptverdächtigen des FBI. Sein Profil entspricht aus Sicht des FBIs eindeutig dem sogenannten "Fake Hero"-Syndrom. Medienhetze und Diffamierungen in der Öffentlichkeit machen ab da sein Leben zur Hölle. Der unabhängige, regierungskritische Anwalt Watson Bryant will Jewells Unschuld beweisen und seinen Mandanten davor bewahren, weiterhin den falschen Leuten zu vertrauen.

M.D.: Basierend auf wahren Begebenheiten zeichnet Clint Eastwood hier eine tragische Underdog-Geschichte. Paul Walter Hauser spielt den naiven Wachmann Jewell mit großer Intensität und Glaubhaftigkeit. Die von ihm erduldeten Ungerechtigkeiten seitens FBI, Presse und Öffentlichkeit sind offensichtlich, und dennoch zweifelt man analog zum Handlungsverlauf als Zuschauer nach und nach an seiner Unschuld. “Der Fall“ im Titel ist also mehrdeutig zu verstehen. Spannende Sozialstudie über die Macht der Presse und die Hilflosigkeit des Bürgers, wenn man auf die falschen (korrupten) Leute bei Polizei- und Staatsgewalt trifft. Mit Sam Rockwell als Anwalt Bryant und Kathy Bates als Jewells Mutter.

Herrenabend

Groen, Hendrik
Herrenabend – Der letzte geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 90 Jahre
München: Piper, 2021
ISBN 978-3-492-07128-4

Hendrik Groen lässt uns in Form seines Tagebuchs zum dritten Mal an seinem Leben teilhaben. Mittlerweile ist er von einem Amsterdamer Seniorenheim nach Bergen an Zee gezogen. Gesellschaft leisten ihm dort die achtundachtzigjährige Leonie, der Rüde Fräulein Jansen und die zehnjährige Frida, die sich Hendrik als Adoptivopa auserkoren hat. Eigentlich genießt der Senior sein Leben und alles könnte so schön sein, wenn da nicht seine Vergesslichkeit wäre. Also fängt Hendrik wieder an Tagebuch zu schreiben, um sich so auch weiterhin an schöne und weniger schöne Ereignisse zu erinnern. Aber irgendwann wird auch das immer schwieriger.

U.C.: Humorvoll und bewegend, aber keineswegs sentimental erzählt Peter de Smet die Lebensgeschichte seines Alter Egos Hendrik Groen. Das Tagebuch gibt einen authentischen Einblick in die Probleme des Älterwerdens und der fortschreitenden Demenz des Protagonisten. Auch die fast unmenschliche Einsamkeit und die Ängste der Senioren  während der Corona-Pandemie werden thematisiert. Ein Buch, das wegen seines heiterem Tonfalls ein pures Lesevergnügen ist, den Leser aber trotzdem nachdenklich und berührt zurücklässt.

 

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Schröder, Alena
Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
München: dtv, 2021
ISBN  978-3-4232-8273-4

Die 27-jährige Hannah promoviert leise in Berlin vor sich hin und besucht regelmäßig ihre Großmutter Evelyn im Altersheim. Die Ärztin im Ruhestand ist nicht unbedingt das, was man eine liebevolle Omi nennen würde, im Gegenteil: Als ein Brief aus Israel eintrifft, in dem Evelyn als Erbin eines geraubten und verschollenen Kunstvermögens ausgewiesen wird, wird die alte Frau noch schroffer und abweisender als zuvor. Hannah indes wundert sich immer mehr, warum sie nichts über ihre jüdischen Wurzeln erfahren darf und wieso ihre einzige lebende Verwandte sich weigert, über die Vergangenheit und besonders über ihre Mutter Senta zu sprechen? Auf der Suche nach den geraubten Bildern (u.a. ein Vermeer – daher der Buchtitel) führt zurück in die 20er Jahre und somit zu einem eigensinnigen Mädchen, Senta, die sich in ihrer Ehe mit einem hochdekorierten Fliegerhelden so sehr ihrer persönlichen Freiheit beraubt fühlt, dass sie alles zurücklässt, um endlich frei zu sein.

M.D.: Was für ein Genre-Mix! Alena Schröder ist ein wundervolles, historisches Familien-Frauen-Schicksals-Buch gelungen! Man taucht sofort in die Geschichte ein und fiebert und leidet angesichts der schicksalshaften Entscheidungen mit. Dabei zieht sich das gestörte Mutter-Tochter-Verhältnis wie ein roter Faden durch das Buch und durch mehrere Generationen. Die Beweggründe der vier Frauen sind immer authentisch und angesichts der Umstände nachvollziehbar, auch wenn man selbst möglicherweise anders gehandelt hätte. Diese Authentizität macht die starken Charaktere so greifbar und liebenswert (auch wenn sie es nicht immer sind). Besonders fasziniert hat mich auch, wie realistisch und eindringlich die schleichenden und schmerzhaften Veränderungen im Lebensalltag der jüdischen Familie während der NS-Zeit geschildert werden. Als Leser kann man sich dem Sog dieser leisen und doch bewegenden Geschichte kaum entziehen.

Das Damengambit

Tevis, Walter
Das Damengambit
Zürich: Diogenes, 2021
ISBN 978-3-257-07161-0

Mit acht entdeckt Beth Harmon im Waisenhaus zwei Möglichkeiten, der harten Realität zu entfliehen: die grünen Beruhigungspillen, die den Kindern täglich verabreicht werden. Und Schach. Das Mädchen ist ein Ausnahmetalent und gewinnt Turnier um Turnier, mit 16 spielt sie gegen lauter erwachsene Männer um die US-Meisterschaft. Ihr Weg führt steil nach oben, doch bei jedem Schritt droht der Abgrund von Sucht und Selbstzerstörung. Denn für Beth steht viel mehr auf dem Spiel als Sieg und Niederlage

A.Z.: Das Damengambit erschien bereits Anfang der 80er Jahre. Der Erfolg der gleichnamigen Netflix-Serie verhilft dem Roman nun zu neuer Aufmerksamkeit. 40 Jahre nach seiner Veröffentlichung wurde das berührende Sozialdrama nun erstmals ins Deutsche übersetzt. Man muss kein Schachspieler sein, um die Höhen und Tiefen im Werdegang der Protagonistin gespannt und fasziniert zu verfolgen und mit ihr Erfolge und Niederlagen mitzuerleben. Filmfans werden sich vielleicht an einen anderen Roman des Autors erinnert fühlen, in dessen Mittelpunkt ein Billardspieler steht. Auch „Die Farbe des Geldes“ wurde hochkarätig mit Paul Newman und Tom Cruise verfilmt und auch dieser Roman wird hoffentlich bald wieder neu aufgelegt. Walter Tevis ist eine echte Wiederentdeckung wert.

Im Ernstfall keine halben Sachen

Mooney, Dan
Im Ernstfall keine halben Sachen
Hamburg: HarperCollins, 2021
ISBN 978-3-9596738-3-9

Joel lebt in einem Altenheim und hasst jeden einzelnen Tag. Er will sich nicht vorschreiben lassen, wann er zu essen oder zu schlafen hat. Sein Leben dort macht ihm keinen Spaß, eigentlich ist es sogar das Leben selbst, das ihm keinen Spaß mehr macht. Also beschließt er, sich umzubringen. Als er seinem Zimmernachbarn Frank, einem exzentrischen ehemaligen Schauspieler, davon erzählt, regt dieser Joel an, sich etwas Besonderes auszudenken für seinen letzten Akt des Widerstands. Sich sang- und klanglos zu verabschieden, kommt nicht in Frage. Und beide wollen noch mal richtig Spaß haben …

A.Z. Warmherzig, tiefgründig und mit viel Einfühlungsvermögen erzählt Dan Mooney in seinem neuen Roman von der Einsamkeit und dem Verlust der Selbstbestimmung im Alter und dem oft trostlosen Leben in einem Seniorenheim. Aber … keine Angst vor diesem eigentlich traurigen Thema. Mit einer gehörigen Portion (schwarzen) Humor gelingt dem Autor perfekt die Gratwanderung zwischen Tragik und Komödie. Und auch wenn die „Ausbruchsversuche“ der beiden Protagonisten manchmal vielleicht nicht so ganz realistisch anmuten, so haben sie mich doch oft herzhaft lachen lassen. Ein wunderbares Buch über den letzten Lebensabschnitt, verpasste Chancen und die heilende Kraft der Freundschaft.

Erste Person Singular

Murakami, Haruki
Erste Person Singular
Köln: DuMont, 2021
ISBN  978-3-8321-8157-4

Murakami nimmt die Leser mit auf acht außergewöhnliche Kurztrips in (seine?) Vergangenheit. Dabei sind es die Rätsel um die Menschen, Dinge, Wesen und prägende Lebensmomente, die den Kern der Erzählungen ausmachen: nostalgische Jugenderinnerungen, vergangene Liebschaften, philosophische Betrachtungen, Literatur, Musik und Baseball. Im typischen Murakami-Stil ist die Grenze zwischen Fiktion und Realität fließend und so trifft man u.a. auf Frauen, die verschwinden, eine fiktive Bossa-Nova-Platte von Charlie Parker sowie einen sprechenden Affen.

M.D.: Jahr für Jahr hofft man darauf, dass Murakami den Literatur-Nobelpreis erhält, verdient hätte er es. Nach der zuletzt erschienenen Romanreihe „Die Ermordung des Commendatore“  in zwei Bänden hier nun eine Sammlung neuer Kurzgeschichten, die einen nicht weniger in den Bann ziehen als seine Romane. Er erzählt zwar in der Ich-Form, doch es sind keine  klassischen autobiografischem Geschichten, sondern eher kleine Begebenheiten und außergewöhnliche Erlebnisse, die dank der fiktiven Elemente zu philosophischen Betrachtungen werden. Das ist gleichermaßen unterhaltsam wie inspirierend, denn am Ende stellt man sich nicht mehr die Frage, wieviel vom Autor Murakami im Ich-Erzähler steckt, sondern ob und wieviel man bereit ist, aus der eigenen Vergangenheit zu lernen und ob man retrospektiv nicht auch den seltsamen oder unschönen Erlebnissen einen Sinn entnehmen kann.

Hamster im hinteren Stromgebiet

Meyerhoff, Joachim
Hamster im hinteren Stromgebiet (Alle Toten fliegen hoch, Bd. 5)
Köln : Kiepenheuer & Witsch, 2020

ISBN 978-3-4620-0024-5
Autor Joachim Meyerhoff wird als Notfall auf eine Intensivstation eingeliefert. Doch so existenziell die Situation auch sein mag, bietet sie zugleich auch etliche, teils absurde Begebenheiten und Begegnungen. Während seines Krankenhausaufenthaltes trifft er auf einige bedauernswerte und auch gewöhnungsbedürftige Mitpatienten, auf eine beeindruckende Neurologin und sogar auf wilde Hamster. Daneben erinnert er sich Nacht für Nacht krampfhaft an vergangene Erlebnisse, um sein angeschlagenes Gehirn auf Trab zu bringen und lässt so den Leser wie gewohnt an seinen Erinnerungen teilhaben.

M.D.: Der fünfte Band der „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe ist aus meiner Sicht nicht unbedingt der stärkste, aber der emotionalste Roman des Autors. Auch hier ist es vor allem die drastische Komik, die mich begeistert. Die teilweise schwülstig ausfallenden (gedachten und ausgesprochenen) Liebesbekundungen gegenüber seiner Familie sind dagegen nicht immer leicht zu lesen, aber angesichts der lebensbedrohlichen Situation in der er sich befand, nachvollziehbar. Mein Favorit der Reihe bleibt darum Band 3 „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“.

Marianengraben

Schreiber, Jasmin
Marianengraben
Köln : Eichborn, 2020

ISBN 978-3-8479-0042-9

Paulas Herz und ihr Lebensmut sind gebrochen seit ihr kleiner Bruder Tim tödlich verunglückte. Schwer depressiv wird sogar der erste Friedhofsbesuch zu einer fast unüberwindbaren Hürde. Wenn zum Grab, dann bitteschön ohne andere anwesende Menschen! Das funktioniert leider nicht ganz so wie erhofft, und so lernt sie beim nächtlichen Friedhofseinbruch Helmut kennen. Zusammen mit dem verschrobenen alten Herrn begibt sie sich auf eine Reise. Und dieser Road-Trip mit Huhn hat es in sich, denn am Ende ist nichts mehr wie es war…

M.D. : Das ist eines der Bücher, die man sofort selber haben möchte, weil sie so schön, lesenswert und weise sind, dass man sie immer wieder zur Hand nimmt. Um die etwas andere Art der Trauerbewältigung geht es in Schreibers Erstlingswerk. Emotional aber nie sentimental nimmt die junge Autorin uns mit auf eine ungewöhnliche Reise zweier Unbekannter. Dabei verbindet Schreiber auf unglaubliche Weise emotionale und lustige Momente. Auch wenn der Roman in seinem Kern von Trauerbewältigung und Depressionen handelt, läuft man deshalb während der Lektüre keinesfalls Gefahr, selber in ein tiefes Loch zu fallen. Mit feuchten Augen und einem breiten Grinsen im Gesicht klappt man das Buch nach 256 Seiten zu. Für Fans von „Honig im Kopf“ ein Muss und auch für Jugendliche absolut lesenswert.

Männer in Kamelhaarmänteln

Heidenreich, Elke
Männer in Kamelhaarmänteln
- Kurze Geschichten über Kleider und Leute
München : Hanser, 2020
ISBN 978-3-446-26838-8

Kleider machen Leute – und genau davon handelt Elke Heidenreichs neuestes Buch. Gut aussehen wollen alle, aber steckt nicht noch viel mehr dahinter? Warum sind einem die Jugendfotos im Faltenrock so peinlich? Warum kauft man sich etwas, was einem weder passt noch steht? Und warum fällt man auf den gutgekleideten Typen rein, der sich schnell als Dummkopf entpuppt? Kleider machen nicht nur Leute, sie können noch viel mehr: Mal sind sie Spiegel des Seelenzustands, mal Selbstbewusstseins-Booster, und ganz oft der Erinnerungsanker an besondere Momente (schöne und weniger schöne) oder Bekanntschaften (nette und weniger nette).

A.Z.: Kurz sind diese wunderbaren Skizzen und Geschichten wirklich, umfassen sie doch höchstens ein bis zwei Seiten. Dabei geht es – wie immer bei Elke Heidenreich - nicht (nur) um Kleider, sondern vielmehr um das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Manchmal komisch, manchmal traurig und immer sehr persönlich erzählt sie von sich selbst, von Freunden und Berühmtheiten, von Beziehungen und deren Ende sowie von Erfolgen und Misserfolgen. Die Akteure und Begebenheiten sind dabei so menschlich, dass sich jeder darin wiedererkennen kann. Wenige Autorinnen und Autoren beherrschen die hohe Kunst, Geschichten mit wenig Worten zu erzählen. Heidenreich gehört ohne Zweifel dazu.

Ein echt wildes Abenteuer

Kinney, Jeff
Ein echt wildes Abenteuer
Köln: Baumhaus Verlag, 2020
ISBN 978-3-833-90637-4

Gewusst? Autor Jeff Kinney hatte „Greg’s Tagebuch“ als Reihe für Erwachsene geplant! Auch wenn die Bücher vorrangig von Kids gelesen werden, so haben auch ‚große Kinder‘ beim Vor- und Mitlesen ziemlich viel Spaß. Gregs bester Freund Rupert darf inzwischen zum zweiten Mal seine eigene Geschichte erzählen und diesmal präsentiert er eine fantastischen Abenteuergeschichte rund um Roland und seinen besten superstarken Freund Garg. Werden die beiden es schaffen, Rolands Mom aus den Fängen des Weißen Zauberers zu befreien? Und was noch viel wichtiger ist: Werden sie am Ende überleben?

M.D.: Die „Story in Story“ Idee ist an sich schon klasse, die Umsetzung grandios! Denn neben viele Gags und Lachern bietet der Comicroman jungen Lesern ganz nebenbei viel Wissenswertes rund um Themen wie Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Verlagswesen und Urheberrecht. Am besten haben mir Gregs teils absurden Merchandising-Ideen gefallen, denn sie machen deutlich, dass solche Produkte nicht aus reiner Nächstenliebe hergestellt werden... Deutschlehrer dürfen sich ebenfalls freuen, denn durch Gregs Verbesserungsvorschläge zu Ruperts Story lernen Jungs und Mädels gleich mal, wie man eine Geschichte richtig erzählt. Schulthemen und Wissen witzig verpackt - clever!

Mein Leben in drei Kisten

Weiss, Anne
Mein Leben in drei Kisten
München: Knaur, 2019
ISBN 978-3-426-79060-1

„Wenn du ohne all das unglücklich bist, lohnt es sich, Lebenszeit dagegen einzutauschen.“ Dieser Satz von Urlaubsbekanntschaft Christoph, ausgesprochen auf einer Dachterrasse im indischen Madurai, lässt Anne nicht mehr los. Zurück im kalten Köln steht sie in ihrer Traumwohnung vor High-Tech-Geräten und dem Gigakleiderschrank voller Luxusklamotten und beginnt zu zweifeln, ob das alles für ein erfülltes Leben wirklich wichtig ist. Hat sich der ganze Stress im Job gelohnt? War es sinnvoll, in der wenigen freien Zeit auf Beutejagd zu gehen, um all den Krempel anzuhäufen? Sie beschließt, ihr Leben umzukrempeln und sich nachhaltig von all jenen Dingen zu trennen, die sie möglicherweise gar nicht so dringend zum Glücklichsein braucht.  

M.D.: Der Ratgeber liest sich wie ein Roman und birgt viele Wahrheiten und Tipps, die wie gemacht sind für eine Zeit wie heute, in der viele ihr bisheriges Leben angesichts chronischen Zeitmangels, Konsumwahnsinns und Klimawandels hinterfragen wollen oder "dank" (Corona-bedingter) Kurzarbeit oder Jobverlust neu gestalten müssen. Weiss schafft es ganz ohne pädagogisierenden Zeigefinger, das eigene Konsumverhalten zu überdenken und ist dabei nicht halb so radikal wie Aufräum-Queen Marie Kondo. Das ist in höchstem Maße unterhaltsam und inspirierend zugleich.

Die Geschichtensammlerin

Kasper Kramer, Jessica
Die Geschichtensammlerin
München: Wunderraum, 2020
ISBN 978-3-336-54815-6

Die 10jährige Ileana sammelt Geschichten. Manche sind Märchen, andere handeln von der Vergangenheit, und die gefährlichsten erzählen die Wahrheit. Wie die Gedichte von Ileanas Onkel Andrei. Doch die Wahrheit kann tödlich sein im kommunistischen Rumänien des Jahres 1989, wo Lebensmittel, Strom oder warmes Wasser knapp sind und die Menschen in ständiger Angst leben. Als Andrei verschwindet, ist die ganze Familie in Gefahr. Ileanas Geschichtensammlung wird von ihrem Vater vernichtet, sie selbst zu den Großeltern aufs Land geschickt. Doch die Securitate folgt ihr bis in die Wälder der Karpaten. Nun braucht Ileana eine Geschichte, die Mörder aufhalten kann …

A.Z.: Mit viel Gespür für Sprache und Plot erzählt die Autorin in ihrem Erstlingsroman vom menschenunwürdigen Leben unter der Schreckensherrschaft Ceausescus. Dabei verbindet sie wahre historische Ereignisse mit Elementen aus rumänischen Märchen sowie aus Erfahrungsberichten. Dank der vorrangig poetisch-intensiven Sprache werden die Lebensbedingungen zu jener Zeit (be)greifbar, ohne den Leser zu sehr zu belasten. Auch die fantasievollen, fiktiven Passagen tragen dazu bei, wenngleich das gelegentliche Abdriften in eine Jugendsprache nicht immer passend wirkt. Die Rumänische Revolution ist in der Literatur ein eher unterrepräsentiertes Thema, und so ist der Roman trotz der kleinen Kritik ein wichtiges Zeitzeugnis und absolut lesenswert.

Wie alles kam

Maar, Paul:
Wie alles kam: Roman meiner Kindheit
Frankfurt am Main: S. Fischer, 2020
ISBN 978-3-10-397038-8

Paul Maar erzählt in seinen bewegenden Erinnerungen das, womit er sich auskennt wie kein Zweiter: die innere Insel, auf die Kinder sich zurückziehen. Er erinnert sich an viele traurige Momente, wie den frühen Tod seiner Mutter, an den im Krieg viele Jahre verschwundenen Vater und der unbarmherzigen Strenge der Wirtschaftswunderjahre. Aber er erzählt auch von glücklichen Ereignissen und über die paradiesische Kindheit bei seinen Großeltern. Seine Erinnerungen sind zugleich Abenteuer- und Freundschaftsgeschichte, ein Vater-Sohn-Roman und eine Liebeserklärung an seine Frau Nele.

U.C.: Eine sehr lesenswerte Biografie, die anschaulich das Leben des Sams-Erfinders Paul Maar beschreibt. Der Leser erfährt, wie Paul Maar seine Kindheit während einer schweren Zeit verbringt, leidet, hofft und lacht mit dem kleinen Paul und begleitet ihn durch Teenagerjahre, die durch seine nicht ganz einfache Beziehung zu seinem Vater geprägt sind. Er berichtet gefühlvoll und ergreifend über seine glückliche Ehe mit Nele und über den Kampf mit ihrer fortschreitenden Demenz. Das empfehlenswerte Buch beschreibt tiefgründig und doch auch heiter das Leben eines der beliebtesten Kinderautoren Deutschlands und gibt Einblick in eine Zeit, die die Geschichte Deutschlands nachhaltig geprägt hat.

The Peanut Butter Falcon

The Peanut Butter Falcon
Spielfilm (Abenteuer), USA 2019
Regie: Tyler Nilson und Michael Schwartz
Darsteller: u.a. Shia LaBeouf, Dakota Johnson, Zack Gottsagen,...

Zak will raus! Und zwar aus dem Altenheim, in das er wegen seines Down-Syndroms gesteckt wurde. Angetrieben von seinem großen Traum, Profi-Wrestler zu werden, gelingt Zak eines nachts tatsächlich die Flucht und trifft wenig später auf den ebenfalls flüchtigen Tyler, der zwar Geld, aber ganz bestimmt keine Klette am Bein gebrauchen kann. Bald schon werden aus den beiden ungleichen Männern echte „Homies“ auf einem selbstgebauten Floss. Und so fliehen sie gemeinsam vor den rachsüchtigen Fischern, vor Betreuerin Eleanor, die Zak ins Heim zurückbringen will, und vor den eigenen Ängsten sowie den Schatten der Vergangenheit.  

M.D.: Nach 94 Minuten Film hat man begriffen, dass man alles schaffen kann, seien die Umstände auch noch so widrig - sofern man Menschen an seiner Seite hat, die einen unterstützen. Im Falle des 22-jährigen Zaks (Zack Gottsagen) ist das nicht die Familie, sondern Eleanor (Dakota Johnson) und vor allem Tyler (wunderbar wortkarg und emotional gespielt von Shia LaBeouf). Letzterer versteht erst gar nicht, warum Zak an sich zweifelt und sich so wenig zutraut – nur weil er das Downsyndrom hat?! Die Story ist eine moderne Version von Huckleberry Finn, getragen von einem intrinsischen Inklusionsgedanken. Wohlfühlkino mit sympathischen Darstellern und viel (Unterhaltungs-) Wert!

Wild Game

Brodeur, Adrienne
Wild Game
München: Droemer, 2020
ISBN 978-342-627817-8

Malabar, die Mutter der 14jährigen Adrienne (genannt Rennie) ist eine umwerfende, strahlende Frau und Mittelpunkt einer jeden Gesellschaft. Ihre Kochkünste sind legendär, ihr Charme entwaffnend, doch Malabar ist auch eine große Egozentrikerin. Als sie sich in den besten Freund ihres Mannes verliebt, macht sie ihre Tochter zu ihrer engsten Vertrauten und stellt auf diese Weise das Mutter-Tochter-Verhältnis auf den Kopf. Rennie vergisst in ihrer Rolle als Komplizin, dass sie eigentlich ihre Jugend ausleben und genießen sollte. Die langersehnte Zuwendung seitens der Mutter lässt es zu, dass sich der Teenager völlig deren Bedürfnissen unterordnet. Erst im Erwachsenenalter schafft sie es, sich allmählich aus der pathologischen Verbindung zu lösen.

M.D.: Cover und Titel des autobiografischen Romans der Lektorin Adrienne Brodeur lassen nicht unbedingt vermuten, dass sich dahinter ein tiefschichtiger, psychoanalytischer Roman höchsten Lesevergnügens verbirgt. Man vergisst zudem, dass es sich dabei nicht um eine fiktive Story sondern um die wahre Lebensgeschichte der Autorin handelt. Brodeur zeigt eindrucksvoll, wie sehr uns familiäre Verbindungen, besonders die ungesunden, fürs Leben prägen. Kinder sollten nicht die Freunde der Eltern sein, sondern - so simpel es auch klingen mag - Kinder, mit eigenen Träumen und Wünschen.

Der größte Kapitän aller Zeiten

Eggers, Dave
Der größte Kapitän aller Zeiten
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2020
ISBN 978-346-200010-8

Eine wilde Satire über die Vereinigten Staaten in den Geburtswehen des Wahnsinns.  Im Zentrum ein lauter, clownesker Kapitän, der die Passagiere an Bord seines größten Schiffes an den Rand der Katastrophe führt – absurd, urkomisch und uns allen nahezu bekannt.

M.D.:  Der alte Kapitän ist in den wohlverdienten Ruhestand gegangen, nun muss ein Nachfolger her. Ausgerechnet der allseits bekannte Kartentrickser und Souvenirverkäufer meldet sich freiwillig. Auch wenn der große, pummelige Mann mit der gelben Feder im Haar den meisten Passagieren suspekt erscheint, so kommen sie seinem vehementen Wunsch, Kapitän zu werden, nach. Schließlich sagt er völlig Diplomatie-frei einfach alles, was ihm so gerade einfällt. Und so etwas gab es vorher noch nie! Es folgen knapp 120 Seiten voller Fehlentscheidungen, Wahnsinn, Enttäuschungen. Man erfährt außerdem, welche Stimme den Kapitän dazu bringt, ständig Fake News in die Welt - bzw. in den Frühstückssaal des Schiffes - zu bringen. Parallelen zu real existierenden Personen sind natürlich voll beabsichtigt. Eggers ist als US-amerikanischer Bundesbürger offensichtlich nicht begeistert von „seinem“ Kapitän und dessen Führungsstil. Das Lachen bleibt einem des Öfteren im Halse stecken, denn zu viel traurige Wahrheit steckt darin.

Blackbird

Brandt, Matthias
Blackbird
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019
ISBN 978-346-205313-5

Das Leben des 15-jährige Morten Schumacher, genannt Motte, ist plötzlich gar nicht mehr so leicht wie es gestern noch war. Sein bester Freund Bogi ist schwer erkrankt, die eigenen Eltern trennen sich - und dann ist da noch die Sache mit der Liebe: Blond und auf einem Hollandrad fährt sie an ihm vorbei und schon ist es um ihn geschehen. Und so kämpft Motte mitten in den 1970ern an allen Fronten zwischen Liebe und Tod, Freiheit und Frust und stellt sich mit scharfem Blick und trockenem Humor den vielen unbekannten, schmerzhaften Herausforderungen.

M.D.:  Schreibende Schauspieler*innen gibt es einige, aber selten hat ein Roman es geschafft, eine völlig neue Facette eines Mimen zu zeigen: Hat man Brandt oftmals als stillen, introvertierten Darsteller wahrgenommen, so zeigt er hier seine unfassbar witzige Seite. Die Sprache ist authentisch-jugendlich und herrlich unaufgeregt und lässt zu keiner Zeit vermuten, dass ein 58jähriger am Werk war, ein großer Vorteil gegenüber Herrndorfs „Tschick“. Wem dieser Roman oder Regeners „Herr Lehmann“ - Reihe gefallen hat, der wird „Blackbird“ lieben. An die liebevoll beschriebenen Charaktere wie Bademeister Elvis oder Schornsteinfegerin Steffi wird man sich gern und lange noch erinnern. Nach 288 Seiten Lachen und Weinen wünscht man sich eine Verfilmung, besser noch eine Fortsetzung. 

Auf Erden sind wir kurz grandios

Vuong, Ocean

Auf Erden sind wir kurz grandios
München: Carl Hanser Verlag, 2019

ISBN 978-3-446-26389-5

Der Brief eines Sohnes an die vietnamesische Mutter, die ihn nie lesen wird. Die Tochter eines amerikanischen Soldaten und eines vietnamesischen Bauernmädchens ist Analphabetin, kann kaum Englisch und arbeitet in einem Nagelstudio. Sie ist das Produkt eines vergessenen Krieges. Der Sohn, ein schmächtiger Außenseiter, erzählt – von der Schizophrenie der Großmutter, den geschundenen Händen der prügelnden Mutter und seiner tragischen ersten Liebe zu einem amerikanischen Jungen.

M.D.: Der besondere Reiz dieses außergewöhnlichen Erstlingswerkes ist sicherlich die Diskrepanz zwischen der klaren, poetischen Sprache und der unstrukturierten, drastischen Darstellung verschiedener Situationen aus Vergangenheit und Gegenwart. Eine Herausforderung ist die Lektüre schon, aber sie lohnt: am Ende bleiben viele Emotionen und Bilder, die beim Lesen manchmal schwerr auszuhalten sind, aber unvergesslich bleiben.

Atlas

Atlas
Spielfilm (Drama), BRD 2019
Regie: David Nawrath
Darsteller: u.a. Rainer Bock, Abraham Schuch,...

Zusammen mit seinem Speditionstrupp soll der Möbelpacker Walter ein in die Jahre gekommener ehemaliger Gewichtheber, eine Wohnung räumen. Als sich die Tür des Altbaus öffnet, glaubt er in dem jungen Familienvater seinen Sohn zu erkennen, den er vor Jahren im Stich gelassen hat. Es beginnt eine vorsichtige Annäherung und ein folgenreicher Versuch, die junge Familie aus der Gefahr zu retten.

M.D.: Rainer Bock brilliert in seiner Rolle und trägt dank minimalistischer Gestik und eindringlicher Mimik die komplexe, emotionale Vater-Sohn-Geschichte beinahe im Alleingang. Auch aktuelle Gesellschaftsthemen werden aufgegriffen, wobei hier erfreulicherweise auf die typische Erzähl- und Darstellungsweise deutscher Filme verzichtet wird. Erstaunlich, dass der Film nicht mehr Bekanntheit erlangt hat. Sehenswert!

Achtsam morden

Dusse, Karsten

Achtsam morden
München: Heyne, 2019

ISBN 978-345-343968-9

Strafverteidiger Björn Diemel wird von seiner Frau gezwungen, ein Achtsamkeits-Seminar zu besuchen, um seine Ehe ins Reine zu bringen, sich als guter Vater zu beweisen und die etwas aus den Fugen geratene Work-Life-Balance wieder herzustellen. Der Kurs trägt tatsächlich Früchte und Björn kann das Gelernte sogar in seinen Job integrieren, allerdings nicht ganz auf die erwartete Weise. Denn als sein Mandant, ein brutaler und mehr als schuldiger Großkrimineller, beginnt, ihm ernstliche Probleme zu bereiten, bringt er ihn einfach um ― und zwar nach allen Regeln der Achtsamkeit.

M.D.:  Wer schon bei der Erfolgsserie „Breaking Bad“ von der Metarmorphose des Protagonisten fasziniert war, dem wird das Buch von  Karsten Dusse extrem gut gefallen. War bei Walther White die finanzielle Absicherung für Frau und Kinder die Triebfeder, so ist es bei Björn Diemel mehr Zeit für Tochter und Noch-Ehefrau. Und so schlittert er beim Versuch, seinen unliebsamen Hauptmandanten Dragan zu verlieren und mehr Zeit zu gewinnen, ziemlich unaufhaltsam - aber immerhin achtsam -  von einer Straftat zur nächsten.

Kommissar Heller Band 1 - 5

Goldammer, Frank
Juni 53

München: dtv, 2019

ISBN 978-3-423-26232-3

Sommer 1953. Der Alltag in der jungen DDR ist beschwerlich, die Unzufriedenheit der Bevölkerung wächst und die Zahl derer, die das Land verlassen, steigt unaufhörlich. Mit harter Hand setzt die SED-Regierung ihre Forderungen durch. Auch Max und Karin Heller erwägen die Flucht in den Westen. Als es am 17. Juni zu großräumigen Protestbewegungen kommt, wird Heller zu einem Dresdner Isolierungsbetrieb gerufen: Der Leiter wurde brutal mit Glaswolle erstickt. Ein Opfer der Aufständischen? Heller hat einen ganz anderen Verdacht und sucht in den Wirren des Volksaufstands einen unberechenbaren Mörder. Währenddessen drängt Karin zu Hause auf eine Entscheidung: gehen oder bleiben?

 

A.Z.: Dies ist bereits der 5. Fall für Max Heller, der schon seit 1944 als Kriminalinspektor (und späterer Kriminaloberkommissar) in Dresden ermittelt. Wenn Heller hier durch die Ruinen läuft und Verbrecher jagt, dann ist seine Mission nicht nur für Krimifans eine spannende Reise in die deutsche Vergangenheit. Ähnlich wie die Romane von Volker Kutscher ist Goldammers Max-Heller-Reihe eine gelungene Mischung aus Krimi und gut recherchierter Zeitgeschichte, die Lust auf weitere Bände macht.

Der Gesang der Flusskrebse

Owens, Delia

Der Gesang der Flusskrebse

München: Hanser, 2019

ISBN 978-3-446-26419-9
Chase Andrews stirbt, und die Bewohner der ruhigen Küstenstadt Barkley Cove sind sich einig: Schuld ist das Marschmädchen. Kya Clark lebt isoliert im Marschland von North Carolina mit seinen Salzwiesen und Sandbänken. Sie kennt jeden Stein und jeden Seevogel, jede Muschel und jede Pflanze. Als zwei junge Männer auf die wilde Schöne aufmerksam werden, öffnet Kya sich einem neuen Leben – mit dramatischen Folgen.

 

A.Z.: Mit viel Gefühl und in bewegend schönen Bildern erzählt Delia Owens die Geschichte von Catherine Danielle Clark, dem Marschmädchen Kya, deren Leben geprägt ist von Verlust und Einsamkeit und deren Verbundenheit mit der Natur auf jeder Seite spürbar wird. Der Debütroman der 70jährigen Autorin ist zugleich eine beeindruckende Hommage an die Natur und eine herzzerreißende Liebesgeschichte, die schließlich in einem spannenden Gerichtsdrama gipfelt. Ein Buch wie gemacht für eine Verfilmung, die hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lässt.

Niemand weiß, dass du hier bist

Giampietro, Nicoletta

Niemand weiß, dass du hier bist

München: Piper, 2019

ISBN 978-3-492-05918-3
Siena, 1942. Der zwölfjährige Lorenzo soll den Krieg bei seinem Großvater und seiner Tante überstehen. Noch ist es in der Toskana friedlich. Auf den weiten Plätzen der verwinkelten Stadt freundet er sich mit Franco an, der seine glühende Verehrung für den Duce teilt. Die Begeisterung bekommt erste Risse, als er Daniele kennenlernt. Daniele ist Jude. Als die Deutschen die Stadt besetzen und beginnen, jüdische Familien zu deportieren, kann Lorenzo nicht zusehen. Doch seine Entscheidung bringt nicht nur seine Freundschaft mit Franco in Gefahr, sondern auch seine Familie und ihn selbst.

 

A.Z.: Atmosphärisch dicht und einfühlsam erzählt die Autorin in ihrem Debütroman von Freundschaft, Mut und Hoffnung in unmenschlicher Zeit. Gebannt folgt man der Geschichte des jungen Lorenzo, der angesichts der aktuellen politischen Geschehnisse seine eigenen Überzeugungen in Frage stellt und seinem Gewissen folgt. Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen kann.

Der Wal und das Ende der Welt

Ironmonger, John
Der Wal und das Ende der Welt
Frankfurt am Main: S. Fischer, 2019

ISBN 978-3-10-397427-0

Erst wird ein junger Mann angespült, und dann strandet der Wal. Eines Morgens retten die Bewohner des idyllischen Fischerdorfes St. Piran einen jungen Mann aus dem Wasser. Alle kümmern sich rührend um ihn: der pensionierte Arzt Dr. Books, der Strandgutsammler Kenny Kennet, die Romanautorin Demelza Trevarrick und Polly, die hübsche Frau des Pastors. Doch keiner ahnt, wie existentiell ihre Gemeinschaft bedroht ist. So wie das ganze Land. Und vielleicht die ganze Welt. Weil alles mit allem zusammenhängt. Denn der junge Joe ist aus London geflohen, wo er einen Kollaps in Gang gesetzt hat. Aber steht wirklich das Ende der Zivilisation bevor?

 

A.Z.: John Ironmonger erzählt eine mitreißende Geschichte über das, was uns als Menschheit zusammenhält. Und er stellt wichtige Fragen: Wissen wir genug über die Welt, in der wir leben? Was brauchen wir, um uns aufgehoben zu fühlen? Wie weit würden wir gehen, wenn alles auf dem Spiel steht? Und wie menschlich verhalten wir uns noch, wenn unser eigenes Leben bedroht ist? Am Ende vielleicht ein bisschen zu schön, um wahr zu sein, dennoch absolut lesenswert.

Love, Simon

Albertalli, Becky
Love, Simon
Hamburg: Carlsen Verlag GmbH, 2018
ISBN 978-3-551-31752-0

Was Simon über Blue weiß: Er ist witzig, sehr weise, aber auch ein bisschen schüchtern. Und ganz schön verwirrend. Was Simon nicht über Blue weiß: WER er ist. Die beiden gehen auf dieselbe Schule und schon seit Monaten tauschen sie E-Mails aus, in denen sie sich die intimsten Dinge gestehen. Simon spürt, dass er sich langsam, aber sicher in Blue verliebt, doch der ist noch nicht bereit, sich mit Simon zu treffen. Dann fällt eine der E-Mails in falsche Hände – und plötzlich steht Simons Leben Kopf.

E.M.: Dieses Buch schafft es, einen vom ersten Moment an zu fesseln. Der angenehme und flüssige Schreibstil der Autorin macht es zudem sehr leicht, der Geschichte zu folgen. Gleichzeitig bleibt es bis zum Ende, durch die Frage, wer Blue denn nun ist, konstant spannend. Außerdem ist es leicht sich in Simon hineinzuversetzen und man fiebert automatisch mit ihm mit. Besonders schön fand ich hierbei, dass man die Mails der beiden direkt mitlesen kann. Dadurch fühlte man sich selbst in die Geschichte integriert. Auch der Film ist durchaus zu empfehlen. Leider kommen da die Nebencharaktere etwas zu kurz. Deshalb lohnt es sich zuerst das Buch zu lesen, da dieses deutlich detaillierter ist.

Alle, außer mir

Melandri, Francesca

Alle, außer mir

Berlin: Wagenbach, 2018

ISBN 978-3-8031-3296-3

Kennen Sie Ihren Vater? Wissen Sie, wer er wirklich ist? Kennen Sie seine Vergangenheit? Die vierzigjährige Lehrerin Ilaria hätte diese Fragen wohl mit »ja« beantwortet, und auch ihre Angehörigen glaubte sie zu kennen bis eines Tages ein junger Afrikaner auf dem Treppenabsatz vor ihrer Wohnung in Rom sitzt und behauptet, mit ihr verwandt zu sein. In seinem Ausweis steht: Attilio Profeti, das ist der Name ihres Vaters ... Der aber ist zu alt, um noch Auskunft zu geben. Hier beginnt Ilarias Entdeckungsreise, von hier aus entfaltet Francesca Melandri eine schier unglaubliche Familiengeschichte über drei Generationen und ein schonungsloses Porträt der italienischen Gesellschaft. Und sie holt die bisher verdrängte italienische Kolonialgeschichte des 20. Jahrhunderts in die Literatur

 

A.Z.:  Zehn Jahre hat die Autorin in Archiven und vor Ort in Äthiopien für ihren dritten Roman recherchiert. Mit psychologischem Gespür und fundiertem Hintergrundwissen erzählt sie von brutalem Rassismus, Propaganda, Korruption und Verdrängung. Dabei ist die Schilderung der historischen Tatsachen manchmal schwer zu ertragen. Trotzdem hat mich dieses tiefsinnige Familienporträt beeindruckt, gelingt es der Autorin doch historische Ereignisse mit dem Schicksal der heutigen Flüchtlinge zu verknüpfen und wichtige Schlüsselfragen unserer Zeit in den Fokus zu rücken: Was bedeutet es, zufällig im »richtigen« Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?

Was man von hier aus sehen kann

Leky, Mariana:
Was man von hier aus sehen kann
Köln: Dumont, 2017
ISBN 978-3-8321-9839-8

Immer wenn der alten Selma im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Wen es treffen wird, ist allerdings unklar. Davon, was die Bewohner in den folgenden Stunden fürchten, was sie blindlings wagen, gestehen oder verschwinden lassen, handelt dieser Roman. Vor allem aber erzählt er von Menschen, die alle auf ihre Weise mit der Liebe ringen: gegen Widerstände, Zeitverschiebungen und Unwägbarkeiten - ohne jemals den Mut zu verlieren.

M.D.: Mariana Leky hat mit „Was man von hier aus sehen kann“ einen wundervollen Familienroman verfasst.  Zugegeben: anfangs war ich etwas skeptisch, ob die Okapi-Idee einen ganzen Roman tragen kann. Kann sie definitiv. Die anfängliche Skepsis ob dieses doch eher unkonventionellen Plots wird schnell beiseitegelegt: wie Leky ihre Figuren in dieser skurrilen und liebenswerten Dorf im Westerwald agieren lässt, verzaubert von der ersten bis zur letzten Seite. Für mich eines der schönsten Bücher 2018 und ein Roman, der lange nachhallt.

Sechs Koffer

Biller, Maxim:
Sechs Koffer
Köln: Kippenheuer & Witsch, 2018
ISBN 978-3-462-05086-8

Wer hat Schmil Grigorewitsch verraten? War es einer seiner schönen, talentierten Söhne? War es seine ehrgeizige, traurige Schwiegertochter? Oder war am Ende er selbst, der Schwarzhändler und gütige Familienpatriarch, daran schuld, dass er vom KGB verhaftet und zum Tode verurteilt wurde? Maxim Billers neuer Roman ist ein Krimi, ein psychologisches Familiendrama und ein literarisches Meisterstück, das den Leser mit der existentiellen Frage zurücklässt: Wie würde er selbst handeln, wenn er sein eigenes Leben retten müsste - als Held oder als Verräter?

M.D.: Es ist schon kühn und lustig, wie Maxim Biller in seinem neuesten Roman den Leser hinters Licht führt. Er erzählt die (eigene?) Familiengeschichte in sechs Episoden und aus unterschiedlichen Blickwinkeln. 
Kernfrage ist: Welches Familienmitglied hat die Schwarzmarktgeschäfte des Großvaters an den KGB verraten hat und somit dessen Tod zu verantworten? Nach jeder Episode ist man sicher, gerade die Wahrheit  gelesen zu haben. Und am Ende zweifelt man doch wieder. Das ist höchst unterhaltsam!

Die Morde von Pye Hall

Horowitz, Anthony:
Die Morde von Pye Hall
Frankfurt am Main: Insel Verlag, 2018
ISBN 978-3-458-17738-8

Als die Lektorin Susan Ryeland das neue Manuskript des Bestsellerautoren Alan Conway liest, ist sie begeistert. Der neueste Fall um Detektiv Atticus Pünd fesselt sie von Anfang an. Umso enttäuschter ist sie, als sie feststellt, dass das letzte Kapitel und damit die Auflösung des Falles fehlt. Noch bevor Susan Alan um die restlichen Seiten bitten kann, erfährt sie völlig entsetzt von seinem Tod. Ein Brief lässt auf Selbstmord vermuten. Aber irgendetwas stimmt nicht und auf der Suche nach dem verschwundenen Kapitel wird sie selbst zur Detektivin und gerät dabei tödliche Gefahr.

U.C.: Was für eine originelle Idee! Das Buch im Buch. Der Leser liest zusammen mit Susan „Die Morde von Pye Hall“, einem Krimi, der in den 1950er Jahren spielt und auf charmante Art an Sherlock Holmes und Hercule Poirot erinnert. Als das Manuskript plötzlich mit einem Cliffhanger endet, wird das Buch zu einem spannenden Pageturner. Anthony Horowitz versteht es geschickt, beide Geschichten miteinander zu verknüpfen und seine raffinierte Erzählweise macht das Buch zu einem echten Leseerlebnis.

Die Enthüllung der Welt

Schmortte, Stefan:
Die Enthüllung der Welt
München: Lago, 2017
ISBN 978-3-95761-175-8

Delft im 17. Jahrhundert: Piets Augen sind ein Wunder, aber das Allerwichtigste in seinem Leben übersieht er. Kleinwüchsig zur Welt gekommen und von seiner Mutter verstoßen, überlebt er nur mit sehr viel Glück seine Kindheit in einem Internat, in dem Gewalt und Missbrauch herrschen. Nach entbehrungsreichen Lehrjahren in Amsterdam eröffnet er in seiner Geburtsstadt Delft ein Tuchhandelsgeschäft. Dort lebt er mit seiner jüdischen Magd Carla, die er aus einem Amsterdamer Hurenhaus freigekauft hat. Keiner in der Stadt ahnt etwas von ihrer geheimen Liebesbeziehung. Und nur die allerwenigsten wissen, was Piet in seiner Werkstatt anstellt, wenn er am Abend seinen Laden schließt. Mit Hilfe einer selbstgebauten Apparatur entdeckt er die Welt des Unsichtbaren, wofür er in den Kreisen der Wissenschaft großen Respekt erntet, aber die Liebe seines Lebens verliert er darüber immer mehr aus dem Blick.

A.Z.: Mit wunderbarer Leichtigkeit erzählt Stefan Schmortte vom goldenen Zeitalter Amsterdams, dem Zauber der Liebe und den Grenzen der Wissenschaft. Atemlos verfolgt der Leser den wechselvollen, oft höchst grausamen Lebensweg des Protagonisten, der mehr als einmal eine überraschende Wendung nimmt. Kein historischer Roman im eigentlichen Sinne, aber eine tolle Geschichte mit Spannung und Tiefgang. Einziges Manko: Sehr kleines Schriftbild.

Das Mädchen im Eis

Bryndza, Robert:
Das Mädchen im Eis
München: Penguin, 2017
ISBN 978-3-328-10097-3

In einem See eines Park im Süden Londons wird die Leiche einer jungen Frau unter einer dicken Schicht Eis entdeckt. Die Detektivin Erika Foster übernimmt die Leitung der Mordermittlungen. Das Opfer schien ein perfektes Leben zu führen, aber bei den Ermittlungen werden Zusammenhänge zu den Ermordungen von drei Prostituierten deutlich. Welches Geheimnis hat das Mädchen im Eis? Je näher Erika der Wahrheit kommt, desto näher kommt ihr der Mörder. Wird sie ihn stellen können, bevor er wieder zuschlägt?

U.C.:  Auftakt einer Reihe um die ursprünglich aus der Slowakei stammenden Polizistin Erika Foster. Ein gut geschriebener Krimi, der den Leser von Anfang an fesselt und die Spannung bis zum überraschenden Ende halten kann. Mit der Hauptperson Erika Foster hat der Autor einen glaubwürdigen, wenn auch nicht immer sympathischen, Charakter geschaffen, der dem Buch das nötige Etwas gibt. Wer Bücher von Angela Marsons, Lisa Gardner und Karin Slaughter mag, dem wird auch dieses Buch gefallen.

Ein Gentleman in Moskau

Towles, Amor:
Ein Gentleman in Moskau
München: List, 2017
ISBN 978-3-471-35146-8

Moskau, 1922. Der genussfreudige Lebemann Graf Rostov wird verhaftet und zu lebenslangem Hausarrest im Hotel Metropol verurteilt, dem ersten Haus am Platze, in dem er seit Jahren eine Suite bewohnt. Er muss alle bisher genossenen Privilegien aufgeben und eine Arbeit als Hilfskellner annehmen. Rostov mit seinen 30 Jahren ist ein äußerst liebenswürdiger, immer optimistischer Gentleman. Trotz seiner eingeschränkten Umstände lebt er ganz seine Überzeugung, dass selbst kleine gute Taten einer chaotischen Welt Sinn verleihen. Aber ihm bleibt nur der Blick aus dem Fenster, während draußen Russland stürmische Dekaden durchlebt. Seine Stunde kommt, als eine alte Freundin ihm ihre kleine Tochter anvertraut. Das Kind ändert Rostovs Leben von Grund auf. Für das Mädchen und sein Leben wächst der Graf über sich hinaus.

A.Z.: Komprimiert im Mikrokosmos eines Hotels schildert Amor Towles in diesem wundervollen Roman mit subtiler Ironie und großem Wissen eine spannende Epoche der Zeitgeschichte Russlands. Wenn Sie etwas für Sprache und deren ironische Feinheiten übrighaben, werden Sie diesen Roman lieben. Ich jedenfalls war begeistert, wünsche ihm viele Leser und freue mich auf eine Verfilmung.

Die Überlebende

Gardner, Lisa:
Die Überlebende
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2017
ISBN 978-3-499-29093-0

Die junge College-Studentin Flora Dane wird in den Ferien am helllichten Tag gekidnappt. Nach langen, qualvollen 472 Tagen schafft sie es endlich zu entkommen. Aber obwohl sie viel Hilfe von ihrer liebevollen Mutter und ihrem FBI-Betreuer erhält, findet sie nur schwer ins Leben zurück. Als wieder eine junge Frau verschwindet, wird Detective D.D. Warren an den Tatort eines grausigen Verbrechens gerufen und stößt dort auf Flora Dane. Ist sie etwa der Schlüssel zur Rettung von weiteren vermissten Mädchen oder ist sie selbst wieder in großer Gefahr?

U.C: Ein gekonnt geschriebener Psychothriller mit überraschenden Wendungen. Der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit erhöht konstant die Spannung, so dass man von Seite 1 an direkt von der Geschichte gefesselt ist. Die Protagonisten sind einfühlsam und authentisch beschrieben, insbesondere mit Flora leidet und fühlt man mit. Eine gelungene Fortsetzung der D.D. Warren Serie!

So, und jetzt kommst du

Frank, Arno:
So, und jetzt kommst du
Stuttgart: Tropen, 2017
ISBN 978-3-608-50369-2

Vater, Mutter und drei Kinder in der pfälzischen Provinz der Achtzigerjahre. Der Autoverkäufer Jürgen und seine Frau Jutta sind verschuldet, aber glücklich. Als auf einmal das „große Geld“ da ist, wandert die Familie fluchtartig nach Südfrankreich aus. Dort leben vor allem die drei Geschwister wie im Paradies, doch die Eltern benehmen sich immer seltsamer – bis ein Zufall enthüllt, dass der Vater ein Hochstapler ist. Er hat das Geld unterschlagen und bereits aufgebraucht, als sich die Schlinge enger zieht. Im letzten Moment flieht die Familie vor dem Zugriff der Behörden und die Jagd durch Europa geht weiter. Es ist ein freier Fall auf Kosten der Kinder, bis es unweigerlich zum Aufprall kommt.

A.Z.: Arno Frank erzählt in bildreicher und ausdrucksstarker Sprache die Geschichte seiner Familie. Was zunächst scheinbar als spannendes Abenteuer beginnt, entwickelt sich mehr und mehr zum Albtraum. Und die Gratwanderung zwischen Komik und Tragik fesselt den Leser mehr und mehr, bis schließlich klar wird, dass an dieser Geschichte rein gar nichts komisch ist. Ein toller Debütroman!