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Männer in Kamelhaarmänteln

Heidenreich, Elke
Männer in Kamelhaarmänteln
- Kurze Geschichten über Kleider und Leute
München : Hanser, 2020
ISBN 978-3-446-26838-8

Kleider machen Leute – und genau davon handelt Elke Heidenreichs neuestes Buch. Gut aussehen wollen alle, aber steckt nicht noch viel mehr dahinter? Warum sind einem die Jugendfotos im Faltenrock so peinlich? Warum kauft man sich etwas, was einem weder passt noch steht? Und warum fällt man auf den gutgekleideten Typen rein, der sich schnell als Dummkopf entpuppt? Kleider machen nicht nur Leute, sie können noch viel mehr: Mal sind sie Spiegel des Seelenzustands, mal Selbstbewusstseins-Booster, und ganz oft der Erinnerungsanker an besondere Momente (schöne und weniger schöne) oder Bekanntschaften (nette und weniger nette).

A.Z.: Kurz sind diese wunderbaren Skizzen und Geschichten wirklich, umfassen sie doch höchstens ein bis zwei Seiten. Dabei geht es – wie immer bei Elke Heidenreich - nicht (nur) um Kleider, sondern vielmehr um das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Manchmal komisch, manchmal traurig und immer sehr persönlich erzählt sie von sich selbst, von Freunden und Berühmtheiten, von Beziehungen und deren Ende sowie von Erfolgen und Misserfolgen. Die Akteure und Begebenheiten sind dabei so menschlich, dass sich jeder darin wiedererkennen kann. Wenige Autorinnen und Autoren beherrschen die hohe Kunst, Geschichten mit wenig Worten zu erzählen. Heidenreich gehört ohne Zweifel dazu.

 

Ein echt wildes Abenteuer

Kinney, Jeff
Ein echt wildes Abenteuer
Köln: Baumhaus Verlag, 2020
ISBN 978-3-833-90637-4

Gewusst? Autor Jeff Kinney hatte „Greg’s Tagebuch“ als Reihe für Erwachsene geplant! Auch wenn die Bücher vorrangig von Kids gelesen werden, so haben auch ‚große Kinder‘ beim Vor- und Mitlesen ziemlich viel Spaß. Gregs bester Freund Rupert darf inzwischen zum zweiten Mal seine eigene Geschichte erzählen und diesmal präsentiert er eine fantastischen Abenteuergeschichte rund um Roland und seinen besten superstarken Freund Garg. Werden die beiden es schaffen, Rolands Mom aus den Fängen des Weißen Zauberers zu befreien? Und was noch viel wichtiger ist: Werden sie am Ende überleben?

M.D.: Die „Story in Story“ Idee ist an sich schon klasse, die Umsetzung grandios! Denn neben viele Gags und Lachern bietet der Comicroman jungen Lesern ganz nebenbei viel Wissenswertes rund um Themen wie Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Verlagswesen und Urheberrecht. Am besten haben mir Gregs teils absurden Merchandising-Ideen gefallen, denn sie machen deutlich, dass solche Produkte nicht aus reiner Nächstenliebe hergestellt werden... Deutschlehrer dürfen sich ebenfalls freuen, denn durch Gregs Verbesserungsvorschläge zu Ruperts Story lernen Jungs und Mädels gleich mal, wie man eine Geschichte richtig erzählt. Schulthemen und Wissen witzig verpackt - clever!

 

Mein Leben in drei Kisten

Weiss, Anne
Mein Leben in drei Kisten
München: Knaur, 2019
ISBN 978-3-426-79060-1

„Wenn du ohne all das unglücklich bist, lohnt es sich, Lebenszeit dagegen einzutauschen.“ Dieser Satz von Urlaubsbekanntschaft Christoph, ausgesprochen auf einer Dachterrasse im indischen Madurai, lässt Anne nicht mehr los. Zurück im kalten Köln steht sie in ihrer Traumwohnung vor High-Tech-Geräten und dem Gigakleiderschrank voller Luxusklamotten und beginnt zu zweifeln, ob das alles für ein erfülltes Leben wirklich wichtig ist. Hat sich der ganze Stress im Job gelohnt? War es sinnvoll, in der wenigen freien Zeit auf Beutejagd zu gehen, um all den Krempel anzuhäufen? Sie beschließt, ihr Leben umzukrempeln und sich nachhaltig von all jenen Dingen zu trennen, die sie möglicherweise gar nicht so dringend zum Glücklichsein braucht.  

M.D.: Der Ratgeber liest sich wie ein Roman und birgt viele Wahrheiten und Tipps, die wie gemacht sind für eine Zeit wie heute, in der viele ihr bisheriges Leben angesichts chronischen Zeitmangels, Konsumwahnsinns und Klimawandels hinterfragen wollen oder "dank" (Corona-bedingter) Kurzarbeit oder Jobverlust neu gestalten müssen. Weiss schafft es ganz ohne pädagogisierenden Zeigefinger, das eigene Konsumverhalten zu überdenken und ist dabei nicht halb so radikal wie Aufräum-Queen Marie Kondo. Das ist in höchstem Maße unterhaltsam und inspirierend zugleich.

 

Die Geschichtensammlerin

Kasper Kramer, Jessica
Die Geschichtensammlerin
München: Wunderraum, 2020
ISBN 978-3-336-54815-6

Die 10jährige Ileana sammelt Geschichten. Manche sind Märchen, andere handeln von der Vergangenheit, und die gefährlichsten erzählen die Wahrheit. Wie die Gedichte von Ileanas Onkel Andrei. Doch die Wahrheit kann tödlich sein im kommunistischen Rumänien des Jahres 1989, wo Lebensmittel, Strom oder warmes Wasser knapp sind und die Menschen in ständiger Angst leben. Als Andrei verschwindet, ist die ganze Familie in Gefahr. Ileanas Geschichtensammlung wird von ihrem Vater vernichtet, sie selbst zu den Großeltern aufs Land geschickt. Doch die Securitate folgt ihr bis in die Wälder der Karpaten. Nun braucht Ileana eine Geschichte, die Mörder aufhalten kann …

A.Z.: Mit viel Gespür für Sprache und Plot erzählt die Autorin in ihrem Erstlingsroman vom menschenunwürdigen Leben unter der Schreckensherrschaft Ceausescus. Dabei verbindet sie wahre historische Ereignisse mit Elementen aus rumänischen Märchen sowie aus Erfahrungsberichten. Dank der vorrangig poetisch-intensiven Sprache werden die Lebensbedingungen zu jener Zeit (be)greifbar, ohne den Leser zu sehr zu belasten. Auch die fantasievollen, fiktiven Passagen tragen dazu bei, wenngleich das gelegentliche Abdriften in eine Jugendsprache nicht immer passend wirkt. Die Rumänische Revolution ist in der Literatur ein eher unterrepräsentiertes Thema, und so ist der Roman trotz der kleinen Kritik ein wichtiges Zeitzeugnis und absolut lesenswert.

 

Wie alles kam

Maar, Paul:
Wie alles kam: Roman meiner Kindheit
Frankfurt am Main: S. Fischer, 2020
ISBN 978-3-10-397038-8

Paul Maar erzählt in seinen bewegenden Erinnerungen das, womit er sich auskennt wie kein Zweiter: die innere Insel, auf die Kinder sich zurückziehen. Er erinnert sich an viele traurige Momente, wie den frühen Tod seiner Mutter, an den im Krieg viele Jahre verschwundenen Vater und der unbarmherzigen Strenge der Wirtschaftswunderjahre. Aber er erzählt auch von glücklichen Ereignissen und über die paradiesische Kindheit bei seinen Großeltern. Seine Erinnerungen sind zugleich Abenteuer- und Freundschaftsgeschichte, ein Vater-Sohn-Roman und eine Liebeserklärung an seine Frau Nele.

U.C.: Eine sehr lesenswerte Biografie, die anschaulich das Leben des Sams-Erfinders Paul Maar beschreibt. Der Leser erfährt, wie Paul Maar seine Kindheit während einer schweren Zeit verbringt, leidet, hofft und lacht mit dem kleinen Paul und begleitet ihn durch Teenagerjahre, die durch seine nicht ganz einfache Beziehung zu seinem Vater geprägt sind. Er berichtet gefühlvoll und ergreifend über seine glückliche Ehe mit Nele und über den Kampf mit ihrer fortschreitenden Demenz. Das empfehlenswerte Buch beschreibt tiefgründig und doch auch heiter das Leben eines der beliebtesten Kinderautoren Deutschlands und gibt Einblick in eine Zeit, die die Geschichte Deutschlands nachhaltig geprägt hat.

 

The Peanut Butter Falcon

The Peanut Butter Falcon
Spielfilm (Abenteuer), USA 2019
Regie: Tyler Nilson und Michael Schwartz
Darsteller: u.a. Shia LaBeouf, Dakota Johnson, Zack Gottsagen,...

Zak will raus! Und zwar aus dem Altenheim, in das er wegen seines Down-Syndroms gesteckt wurde. Angetrieben von seinem großen Traum, Profi-Wrestler zu werden, gelingt Zak eines nachts tatsächlich die Flucht und trifft wenig später auf den ebenfalls flüchtigen Tyler, der zwar Geld, aber ganz bestimmt keine Klette am Bein gebrauchen kann. Bald schon werden aus den beiden ungleichen Männern echte „Homies“ auf einem selbstgebauten Floss. Und so fliehen sie gemeinsam vor den rachsüchtigen Fischern, vor Betreuerin Eleanor, die Zak ins Heim zurückbringen will, und vor den eigenen Ängsten sowie den Schatten der Vergangenheit.  

M.D.: Nach 94 Minuten Film hat man begriffen, dass man alles schaffen kann, seien die Umstände auch noch so widrig - sofern man Menschen an seiner Seite hat, die einen unterstützen. Im Falle des 22-jährigen Zaks (Zack Gottsagen) ist das nicht die Familie, sondern Eleanor (Dakota Johnson) und vor allem Tyler (wunderbar wortkarg und emotional gespielt von Shia LaBeouf). Letzterer versteht erst gar nicht, warum Zak an sich zweifelt und sich so wenig zutraut – nur weil er das Downsyndrom hat?! Die Story ist eine moderne Version von Huckleberry Finn, getragen von einem intrinsischen Inklusionsgedanken. Wohlfühlkino mit sympathischen Darstellern und viel (Unterhaltungs-) Wert!

 

Wild Games

Brodeur, Adrienne
Wild Game
München: Droemer, 2020
978-342-627817-8

Malabar, die Mutter der 14jährigen Adrienne (genannt Rennie) ist eine umwerfende, strahlende Frau und Mittelpunkt einer jeden Gesellschaft. Ihre Kochkünste sind legendär, ihr Charme entwaffnend, doch Malabar ist auch eine große Egozentrikerin. Als sie sich in den besten Freund ihres Mannes verliebt, macht sie ihre Tochter zu ihrer engsten Vertrauten und stellt auf diese Weise das Mutter-Tochter-Verhältnis auf den Kopf. Rennie vergisst in ihrer Rolle als Komplizin, dass sie eigentlich ihre Jugend ausleben und genießen sollte. Die langersehnte Zuwendung seitens der Mutter lässt es zu, dass sich der Teenager völlig deren Bedürfnissen unterordnet. Erst im Erwachsenenalter schafft sie es, sich allmählich aus der pathologischen Verbindung zu lösen.

M.D.: Cover und Titel des autobiografischen Romans der Lektorin Adrienne Brodeur lassen nicht unbedingt vermuten, dass sich dahinter ein tiefschichtiger, psychoanalytischer Roman höchsten Lesevergnügens verbirgt. Man vergisst zudem, dass es sich dabei nicht um eine fiktive Story sondern um die wahre Lebensgeschichte der Autorin handelt. Brodeur zeigt eindrucksvoll, wie sehr uns familiäre Verbindungen, besonders die ungesunden, fürs Leben prägen. Kinder sollten nicht die Freunde der Eltern sein, sondern - so simpel es auch klingen mag - Kinder, mit eigenen Träumen und Wünschen.

 

Der größte Kapitän aller Zeiten

Eggers, Dave
Der größte Kapitän aller Zeiten
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2020
978-346-200010-8

Eine wilde Satire über die Vereinigten Staaten in den Geburtswehen des Wahnsinns.  Im Zentrum ein lauter, clownesker Kapitän, der die Passagiere an Bord seines größten Schiffes an den Rand der Katastrophe führt – absurd, urkomisch und uns allen nahezu bekannt.

M.D.:  Der alte Kapitän ist in den wohlverdienten Ruhestand gegangen, nun muss ein Nachfolger her. Ausgerechnet der allseits bekannte Kartentrickser und Souvenirverkäufer meldet sich freiwillig. Auch wenn der große, pummelige Mann mit der gelben Feder im Haar den meisten Passagieren suspekt erscheint, so kommen sie seinem vehementen Wunsch, Kapitän zu werden, nach. Schließlich sagt er völlig Diplomatie-frei einfach alles, was ihm so gerade einfällt. Und so etwas gab es vorher noch nie! Es folgen knapp 120 Seiten voller Fehlentscheidungen, Wahnsinn, Enttäuschungen. Man erfährt außerdem, welche Stimme den Kapitän dazu bringt, ständig Fake News in die Welt - bzw. in den Frühstückssaal des Schiffes - zu bringen. Parallelen zu real existierenden Personen sind natürlich voll beabsichtigt. Eggers ist als US-amerikanischer Bundesbürger offensichtlich nicht begeistert von „seinem“ Kapitän und dessen Führungsstil. Das Lachen bleibt einem des Öfteren im Halse stecken, denn zu viel traurige Wahrheit steckt darin. Dennoch lesenswert!

 

Blackbird

Brandt, Matthias
Blackbird
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019
978-346-205313-5

Das Leben des 15-jährige Morten Schumacher, genannt Motte, ist plötzlich gar nicht mehr so leicht wie es gestern noch war. Sein bester Freund Bogi ist schwer erkrankt, die eigenen Eltern trennen sich - und dann ist da noch die Sache mit der Liebe: Blond und auf einem Hollandrad fährt sie an ihm vorbei und schon ist es um ihn geschehen. Und so kämpft Motte mitten in den 1970ern an allen Fronten zwischen Liebe und Tod, Freiheit und Frust und stellt sich mit scharfem Blick und trockenem Humor den vielen unbekannten, schmerzhaften Herausforderungen.

M.D.:  Schreibende Schauspieler*innen gibt es einige, aber selten hat ein Roman es geschafft, eine völlig neue Facette eines Mimen zu zeigen: Hat man Brandt oftmals als stillen, introvertierten Darsteller wahrgenommen, so zeigt er hier seine unfassbar witzige Seite. Die Sprache ist authentisch-jugendlich und herrlich unaufgeregt und lässt zu keiner Zeit vermuten, dass ein 58jähriger am Werk war, ein großer Vorteil gegenüber Herrndorfs „Tschick“. Wem dieser Roman oder Regeners „Herr Lehmann“ - Reihe gefallen hat, der wird „Blackbird“ lieben. An die liebevoll beschriebenen Charaktere wie Bademeister Elvis oder Schornsteinfegerin Steffi wird man sich gern und lange noch erinnern. Nach 288 Seiten Lachen und Weinen wünscht man sich eine Verfilmung, besser noch eine Fortsetzung.  

 

Auf Erden sind wir kurz grandios

Vuong, Ocean

Auf Erden sind wir kurz grandios
München: Carl Hanser Verlag, 2019

978-3-446-26389-5

Der Brief eines Sohnes an die vietnamesische Mutter, die ihn nie lesen wird. Die Tochter eines amerikanischen Soldaten und eines vietnamesischen Bauernmädchens ist Analphabetin, kann kaum Englisch und arbeitet in einem Nagelstudio. Sie ist das Produkt eines vergessenen Krieges. Der Sohn, ein schmächtiger Außenseiter, erzählt – von der Schizophrenie der Großmutter, den geschundenen Händen der prügelnden Mutter und seiner tragischen ersten Liebe zu einem amerikanischen Jungen.

M.D.: Der besondere Reiz dieses außergewöhnlichen Erstlingswerkes ist sicherlich die Diskrepanz zwischen der klaren, poetischen Sprache und der unstrukturierten, drastischen Darstellung verschiedener Situationen aus Vergangenheit und Gegenwart. Eine Herausforderung ist die Lektüre schon, aber sie lohnt: am Ende bleiben viele Emotionen und Bilder, die beim Lesen manchmal schwerr auszuhalten sind, aber unvergesslich bleiben. Mich würde nicht wundern, wenn der 31jährige Vuong den nächsten Literatur-Nobelpreis gewinnt.

 

Atlas

Atlas
Spielfilm (Drama), BRD 2019
Regie: David Nawrath
Darsteller: u.a. Rainer Bock, Abraham Schuch,...

Zusammen mit seinem Speditionstrupp soll der Möbelpacker Walter ein in die Jahre gekommener ehemaliger Gewichtheber, eine Wohnung räumen. Als sich die Tür des Altbaus öffnet, glaubt er in dem jungen Familienvater seinen Sohn zu erkennen, den er vor Jahren im Stich gelassen hat. Es beginnt eine vorsichtige Annäherung und ein folgenreicher Versuch, die junge Familie aus der Gefahr zu retten.

M.D.: Rainer Bock brilliert in seiner Rolle und trägt dank minimalistischer Gestik und eindringlicher Mimik die komplexe, emotionale Vater-Sohn-Geschichte beinahe im Alleingang. Auch aktuelle Gesellschaftsthemen werden aufgegriffen, wobei hier erfreulicherweise auf die typische Erzähl- und Darstellungsweise deutscher Filme verzichtet wird. Erstaunlich, dass der Film nicht mehr Bekanntheit erlangt hat. Sehenswert!

 

Achtsam morden

Dusse, Karsten

Achtsam morden
München: Heyne, 2019

978-345-343968-9

Strafverteidiger Björn Diemel wird von seiner Frau gezwungen, ein Achtsamkeits-Seminar zu besuchen, um seine Ehe ins Reine zu bringen, sich als guter Vater zu beweisen und die etwas aus den Fugen geratene Work-Life-Balance wieder herzustellen. Der Kurs trägt tatsächlich Früchte und Björn kann das Gelernte sogar in seinen Job integrieren, allerdings nicht ganz auf die erwartete Weise. Denn als sein Mandant, ein brutaler und mehr als schuldiger Großkrimineller, beginnt, ihm ernstliche Probleme zu bereiten, bringt er ihn einfach um ― und zwar nach allen Regeln der Achtsamkeit.

M.D.:  Wer schon bei der Erfolgsserie „Breaking Bad“ von der Metarmorphose des Protagonisten fasziniert war, dem wird das Buch von  Karsten Dusse extrem gut gefallen. War bei Walther White die finanzielle Absicherung für Frau und Kinder die Triebfeder, so ist es bei Björn Diemel mehr Zeit für Tochter und Noch-Ehefrau. Und so schlittert er beim Versuch, seinen unliebsamen Hauptmandanten Dragan zu verlieren und mehr Zeit zu gewinnen, ziemlich unaufhaltsam - aber immerhin achtsam -  von einer Straftat zur nächsten.

 

Marzahn, mon amour : Geschichten einer Fußpflegerin

Oskamp, Katja

Marzahn, mon amour : Geschichten einer Fußpflegerin

München: Hanser, 2019

978-344-626414-4

Katja Oskamp ist Mitte vierzig, als ihr Leben fad wird. Sie lebt in Berlin-Marzahn, einst das größte Plattenbaugebiet der DDR. Das Kind ist aus dem Haus, der Mann ist krank, die Schriftstellerei, der sie sich bis dahin gewidmet hat und von der sie keineswegs leben kann: ein Feld der Enttäuschungen. Dann macht sie etwas, was für andere dem Scheitern gleichkäme: Sie wird Fußpflegerin! Und schreibt auf, was sie dabei hört – Geschichten voller Menschlichkeit und Witz, Geschichten, die nicht vorkommen, wenn wir über die Menschen in unserem Land sprechen und die sich doch überall zutragen.

 

A.Z.: Erstmals begegnete mir Katja Oskamp mit  ihren Geschichten auf der Schriftstellerplattform „Freitext“ in der Zeit. Warmherzig, respektvoll, augenzwinkernd, mit viel Humor und „Berliner Schnauze“ berichtet sie hier von den Sorgen und Nöten, den Eigenheiten und den besonderen Lebensumständen ihrer Stammkunden und Kollegen. Jede dieser Geschichten eine einzige Liebeserklärung an Marzahn und die Menschen, die dort leben. Im letzten Jahr endlich auch als Buch erschienen landeten sie völlig zu Recht auf der Spiegelbestseller-Liste.

 

 

Kommissar Heller Band 1 - 5

Goldammer, Frank
Juni 53

München: dtv, 2019

978-3-423-26232-3

Sommer 1953. Der Alltag in der jungen DDR ist beschwerlich, die Unzufriedenheit der Bevölkerung wächst und die Zahl derer, die das Land verlassen, steigt unaufhörlich. Mit harter Hand setzt die SED-Regierung ihre Forderungen durch. Auch Max und Karin Heller erwägen die Flucht in den Westen. Als es am 17. Juni zu großräumigen Protestbewegungen kommt, wird Heller zu einem Dresdner Isolierungsbetrieb gerufen: Der Leiter wurde brutal mit Glaswolle erstickt. Ein Opfer der Aufständischen? Heller hat einen ganz anderen Verdacht und sucht in den Wirren des Volksaufstands einen unberechenbaren Mörder. Währenddessen drängt Karin zu Hause auf eine Entscheidung: gehen oder bleiben?

 

A.Z.: Dies ist bereits der 5. Fall für Max Heller, der schon seit 1944 als Kriminalinspektor (und späterer Kriminaloberkommissar) in Dresden ermittelt. Wenn Heller hier durch die Ruinen läuft und Verbrecher jagt, dann ist seine Mission nicht nur für Krimifans eine spannende Reise in die deutsche Vergangenheit. Ähnlich wie die Romane von Volker Kutscher ist Goldammers Max-Heller-Reihe eine gelungene Mischung aus Krimi und gut recherchierter Zeitgeschichte, die Lust auf weitere Bände macht.

 

 

Der Gesang der Flusskrebse

Owens, Delia

Der Gesang der Flusskrebse

München: Hanser, 2019

978-3-446-26419-9

 

Chase Andrews stirbt, und die Bewohner der ruhigen Küstenstadt Barkley Cove sind sich einig: Schuld ist das Marschmädchen. Kya Clark lebt isoliert im Marschland von North Carolina mit seinen Salzwiesen und Sandbänken. Sie kennt jeden Stein und jeden Seevogel, jede Muschel und jede Pflanze. Als zwei junge Männer auf die wilde Schöne aufmerksam werden, öffnet Kya sich einem neuen Leben – mit dramatischen Folgen.

 

A.Z.: Mit viel Gefühl und in bewegend schönen Bildern erzählt Delia Owens die Geschichte von Catherine Danielle Clark, dem Marschmädchen Kya, deren Leben geprägt ist von Verlust und Einsamkeit und deren Verbundenheit mit der Natur auf jeder Seite spürbar wird. Der Debütroman der 70jährigen Autorin ist zugleich eine beeindruckende Hommage an die Natur und eine herzzerreißende Liebesgeschichte, die schließlich in einem spannenden Gerichtsdrama gipfelt. Ein Buch wie gemacht für eine Verfilmung, die hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lässt.

 

 

Niemand weiß, dass du hier bist

Giampietro, Nicoletta

Niemand weiß, dass du hier bist

München: Piper, 2019

978-3-492-05918-3

 

Siena, 1942. Der zwölfjährige Lorenzo soll den Krieg bei seinem Großvater und seiner Tante überstehen. Noch ist es in der Toskana friedlich. Auf den weiten Plätzen der verwinkelten Stadt freundet er sich mit Franco an, der seine glühende Verehrung für den Duce teilt. Die Begeisterung bekommt erste Risse, als er Daniele kennenlernt. Daniele ist Jude. Als die Deutschen die Stadt besetzen und beginnen, jüdische Familien zu deportieren, kann Lorenzo nicht zusehen. Doch seine Entscheidung bringt nicht nur seine Freundschaft mit Franco in Gefahr, sondern auch seine Familie und ihn selbst.

 

A.Z.: Atmosphärisch dicht und einfühlsam erzählt die Autorin in ihrem Debütroman von Freundschaft, Mut und Hoffnung in unmenschlicher Zeit. Gebannt folgt man der Geschichte des jungen Lorenzo, der angesichts der aktuellen politischen Geschehnisse seine eigenen Überzeugungen in Frage stellt und seinem Gewissen folgt. Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen kann.

 

 

Der Wal und das Ende der Welt

Ironmonger, John
Der Wal und das Ende der Welt
Frankfurt am Main: S. Fischer, 2019

978-3-10-397427-0

 

Erst wird ein junger Mann angespült, und dann strandet der Wal. Eines Morgens retten die Bewohner des idyllischen Fischerdorfes St. Piran einen jungen Mann aus dem Wasser. Alle kümmern sich rührend um ihn: der pensionierte Arzt Dr. Books, der Strandgutsammler Kenny Kennet, die Romanautorin Demelza Trevarrick und Polly, die hübsche Frau des Pastors. Doch keiner ahnt, wie existentiell ihre Gemeinschaft bedroht ist. So wie das ganze Land. Und vielleicht die ganze Welt. Weil alles mit allem zusammenhängt. Denn der junge Joe ist aus London geflohen, wo er einen Kollaps in Gang gesetzt hat. Aber steht wirklich das Ende der Zivilisation bevor?

 

A.Z.: John Ironmonger erzählt eine mitreißende Geschichte über das, was uns als Menschheit zusammenhält. Und er stellt wichtige Fragen: Wissen wir genug über die Welt, in der wir leben? Was brauchen wir, um uns aufgehoben zu fühlen? Wie weit würden wir gehen, wenn alles auf dem Spiel steht? Und wie menschlich verhalten wir uns noch, wenn unser eigenes Leben bedroht ist? Am Ende vielleicht ein bisschen zu schön, um wahr zu sein, dennoch absolut lesenswert.

 

 

Love, Simon

Albertalli, Becky
Love, Simon
Hamburg: Carlsen Verlag GmbH, 2018
978-3-551-31752-0

Was Simon über Blue weiß: Er ist witzig, sehr weise, aber auch ein bisschen schüchtern. Und ganz schön verwirrend. Was Simon nicht über Blue weiß: WER er ist. Die beiden gehen auf dieselbe Schule und schon seit Monaten tauschen sie E-Mails aus, in denen sie sich die intimsten Dinge gestehen. Simon spürt, dass er sich langsam, aber sicher in Blue verliebt, doch der ist noch nicht bereit, sich mit Simon zu treffen. Dann fällt eine der E-Mails in falsche Hände – und plötzlich steht Simons Leben Kopf.

E.M.: Dieses Buch schafft es, einen vom ersten Moment an zu fesseln. Der angenehme und flüssige Schreibstil der Autorin macht es zudem sehr leicht, der Geschichte zu folgen. Gleichzeitig bleibt es bis zum Ende, durch die Frage, wer Blue denn nun ist, konstant spannend. Außerdem ist es leicht sich in Simon hineinzuversetzen und man fiebert automatisch mit ihm mit. Besonders schön fand ich hierbei, dass man die Mails der beiden direkt mitlesen kann. Dadurch fühlte man sich selbst in die Geschichte integriert.
Auch der Film ist durchaus zu empfehlen. Leider kommen da die Nebencharaktere etwas zu kurz. Deshalb lohnt es sich zuerst das Buch zu lesen, da dieses deutlich detaillierter ist.

 

 

Alle, außer mir

Melandri, Francesca

Alle, außer mir

Berlin: Wagenbach, 2018

978-3-8031-3296-3

 

Kennen Sie Ihren Vater? Wissen Sie, wer er wirklich ist? Kennen Sie seine Vergangenheit? Die vierzigjährige Lehrerin Ilaria hätte diese Fragen wohl mit »ja« beantwortet, und auch ihre Angehörigen glaubte sie zu kennen bis eines Tages ein junger Afrikaner auf dem Treppenabsatz vor ihrer Wohnung in Rom sitzt und behauptet, mit ihr verwandt zu sein. In seinem Ausweis steht: Attilio Profeti, das ist der Name ihres Vaters ... Der aber ist zu alt, um noch Auskunft zu geben. Hier beginnt Ilarias Entdeckungsreise, von hier aus entfaltet Francesca Melandri eine schier unglaubliche Familiengeschichte über drei Generationen und ein schonungsloses Porträt der italienischen Gesellschaft. Und sie holt die bisher verdrängte italienische Kolonialgeschichte des 20. Jahrhunderts in die Literatur

 

A.Z.:  Zehn Jahre hat die Autorin in Archiven und vor Ort in Äthiopien für ihren dritten Roman recherchiert. Mit psychologischem Gespür und fundiertem Hintergrundwissen erzählt sie von brutalem Rassismus, Propaganda, Korruption und Verdrängung. Dabei ist die Schilderung der historischen Tatsachen manchmal schwer zu ertragen. Trotzdem hat mich dieses tiefsinnige Familienporträt beeindruckt, gelingt es der Autorin doch historische Ereignisse mit dem Schicksal der heutigen Flüchtlinge zu verknüpfen und wichtige Schlüsselfragen unserer Zeit in den Fokus zu rücken: Was bedeutet es, zufällig im »richtigen« Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?

 

 

Was man von hier aus sehen kann

Leky, Mariana:
Was man von hier aus sehen kann
Köln: Dumont, 2017
ISBN 978-3-8321-9839-8

Immer wenn der alten Selma im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Wen es treffen wird, ist allerdings unklar. Davon, was die Bewohner in den folgenden Stunden fürchten, was sie blindlings wagen, gestehen oder verschwinden lassen, handelt dieser Roman. Vor allem aber erzählt er von Menschen, die alle auf ihre Weise mit der Liebe ringen: gegen Widerstände, Zeitverschiebungen und Unwägbarkeiten - ohne jemals den Mut zu verlieren.

MD: Mariana Leky hat mit „Was man von hier aus sehen kann“ einen wundervollen Familienroman verfasst.  Zugegeben: anfangs war ich etwas skeptisch, ob die Okapi-Idee einen ganzen Roman tragen kann. Kann er definitiv. Die anfängliche Skepsis ob dieses doch eher unkonventionellen Plots wird schnell beiseitegelegt: wie Leky ihre Figuren in dieser skurrilen und liebenswerten Dorf im Westerwald agieren lässt, verzaubert von der ersten bis zur letzten Seite. Für mich eines der schönsten Bücher 2018 und ein Roman, der lange nachhallt.

 

 

 

Sechs Koffer

Biller, Maxim:
Sechs Koffer
Köln: Kippenheuer & Witsch, 2018
ISBN 978-3-462-05086-8

Wer hat Schmil Grigorewitsch verraten? War es einer seiner schönen, talentierten Söhne? War es seine ehrgeizige, traurige Schwiegertochter? Oder war am Ende er selbst, der Schwarzhändler und gütige Familienpatriarch, daran schuld, dass er vom KGB verhaftet und zum Tode verurteilt wurde? Maxim Billers neuer Roman ist ein Krimi, ein psychologisches Familiendrama und ein literarisches Meisterstück, das den Leser mit der existentiellen Frage zurücklässt: Wie würde er selbst handeln, wenn er sein eigenes Leben retten müsste - als Held oder als Verräter?

MD: Es ist schon kühn und lustig, wie Maxim Biller in seinem neuesten Roman den Leser hinters Licht führt. Er erzählt die (eigene?) Familiengeschichte in sechs Episoden und aus unterschiedlichen Blickwinkeln. 
Kernfrage ist: Welches Familienmitglied hat die Schwarzmarktgeschäfte des Großvaters an den KGB verraten hat und somit dessen Tod zu verantworten? Nach jeder Episode ist man sicher, gerade die Wahrheit  gelesen zu haben. Und am Ende zweifelt man doch wieder. 
Das ist höchst unterhaltsam und lesenswert.

 

 

Die Morde von Pye Hall

Horowitz, Anthony:
Die Morde von Pye Hall
Frankfurt am Main: Insel Verlag, 2018
ISBN 978-3-458-17738-8

Als die Lektorin Susan Ryeland das neue Manuskript des Bestsellerautoren Alan Conway liest, ist sie begeistert. Der neueste Fall um Detektiv Atticus Pünd fesselt sie von Anfang an. Umso enttäuschter ist sie, als sie feststellt, dass das letzte Kapitel und damit die Auflösung des Falles fehlt. Noch bevor Susan Alan um die restlichen Seiten bitten kann, erfährt sie völlig entsetzt von seinem Tod. Ein Brief lässt auf Selbstmord vermuten. Aber irgendetwas stimmt nicht und auf der Suche nach dem verschwundenen Kapitel wird sie selbst zur Detektivin und gerät dabei tödliche Gefahr.

U.C.: Was für eine originelle Idee! Das Buch im Buch. Der Leser liest zusammen mit Susan „Die Morde von Pye Hall“, einem Krimi, der in den 1950er Jahren spielt und auf charmante Art an Sherlock Holmes und Hercule Poirot erinnert. Als das Manuskript plötzlich mit einem Cliffhanger endet, wird das Buch zu einem spannenden Pageturner. Anthony Horowitz versteht es geschickt, beide Geschichten miteinander zu verknüpfen und seine raffinierte Erzählweise macht das Buch zu einem echten Leseerlebnis.

 

 

Die Enthüllung der Welt

Schmortte, Stefan:
Die Enthüllung der Welt
München: Lago, 2017
ISBN 978-3-95761-175-8


Delft im 17. Jahrhundert: Piets Augen sind ein Wunder, aber das Allerwichtigste in seinem Leben übersieht er. Kleinwüchsig zur Welt gekommen und von seiner Mutter verstoßen, überlebt er nur mit sehr viel Glück seine Kindheit in einem Internat, in dem Gewalt und Missbrauch herrschen. Nach entbehrungsreichen Lehrjahren in Amsterdam eröffnet er in seiner Geburtsstadt Delft ein Tuchhandelsgeschäft. Dort lebt er mit seiner jüdischen Magd Carla, die er aus einem Amsterdamer Hurenhaus freigekauft hat. Keiner in der Stadt ahnt etwas von ihrer geheimen Liebesbeziehung. Und nur die allerwenigsten wissen, was Piet in seiner Werkstatt anstellt, wenn er am Abend seinen Laden schließt. Mit Hilfe einer selbstgebauten Apparatur entdeckt er die Welt des Unsichtbaren, wofür er in den Kreisen der Wissenschaft großen Respekt erntet, aber die Liebe seines Lebens verliert er darüber immer mehr aus dem Blick.

A.Z.: Mit wunderbarer Leichtigkeit erzählt Stefan Schmortte vom goldenen Zeitalter Amsterdams, dem Zauber der Liebe und den Grenzen der Wissenschaft. Atemlos verfolgt der Leser den wechselvollen, oft höchst grausamen Lebensweg des Protagonisten, der mehr als einmal eine überraschende Wendung nimmt. Kein historischer Roman im eigentlichen Sinne, aber eine tolle Geschichte mit Spannung und Tiefgang. Einziges Manko: Sehr kleines Schriftbild.

 

 

Das Mädchen im Eis

Bryndza, Robert:
Das Mädchen im Eis
München: Penguin, 2017
ISBN 978-3-328-10097-3

In einem See eines Park im Süden Londons wird die Leiche einer jungen Frau unter einer dicken Schicht Eis entdeckt. Die Detektivin Erika Foster übernimmt die Leitung der Mordermittlungen. Das Opfer schien ein perfektes Leben zu führen, aber bei den Ermittlungen werden Zusammenhänge zu den Ermordungen von drei Prostituierten deutlich. Welches Geheimnis hat das Mädchen im Eis? Je näher Erika der Wahrheit kommt, desto näher kommt ihr der Mörder. Wird sie ihn stellen können, bevor er wieder zuschlägt?

U.C.:  Auftakt einer Reihe um die ursprünglich aus der Slowakei stammenden Polizistin Erika Foster. Ein gut geschriebener Krimi, der den Leser von Anfang an fesselt und die Spannung bis zum überraschenden Ende halten kann. Mit der Hauptperson Erika Foster hat der Autor einen glaubwürdigen, wenn auch nicht immer sympathischen, Charakter geschaffen, der dem Buch das nötige Etwas gibt. Wer Bücher von Angela Marsons, Lisa Gardner und Karin Slaughter mag, dem wird auch dieses Buch gefallen.

 

 

Ein Gentleman in Moskau

Towles, Amor:
Ein Gentleman in Moskau
München: List, 2017
ISBN 978-3-471-35146-8

Moskau, 1922. Der genussfreudige Lebemann Graf Rostov wird verhaftet und zu lebenslangem Hausarrest im Hotel Metropol verurteilt, dem ersten Haus am Platze, in dem er seit Jahren eine Suite bewohnt. Er muss alle bisher genossenen Privilegien aufgeben und eine Arbeit als Hilfskellner annehmen. Rostov mit seinen 30 Jahren ist ein äußerst liebenswürdiger, immer optimistischer Gentleman. Trotz seiner eingeschränkten Umstände lebt er ganz seine Überzeugung, dass selbst kleine gute Taten einer chaotischen Welt Sinn verleihen. Aber ihm bleibt nur der Blick aus dem Fenster, während draußen Russland stürmische Dekaden durchlebt. Seine Stunde kommt, als eine alte Freundin ihm ihre kleine Tochter anvertraut. Das Kind ändert Rostovs Leben von Grund auf. Für das Mädchen und sein Leben wächst der Graf über sich hinaus.

A.Z.: Komprimiert im Mikrokosmos eines Hotels schildert Amor Towles in diesem wundervollen Roman mit subtiler Ironie und großem Wissen eine spannende Epoche der Zeitgeschichte Russlands. Wenn Sie etwas für Sprache und deren ironische Feinheiten übrighaben, werden Sie diesen Roman lieben. Ich jedenfalls war begeistert, wünsche ihm viele Leser und freue mich auf eine Verfilmung.

 

 

Die Überlebende

Gardner, Lisa:
Die Überlebende
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2017
ISBN 978 3 499 29093 0

Die junge College-Studentin Flora Dane wird in den Ferien am helllichten Tag gekidnappt. Nach langen, qualvollen 472 Tagen schafft sie es endlich zu entkommen. Aber obwohl sie viel Hilfe von ihrer liebevollen Mutter und ihrem FBI-Betreuer erhält, findet sie nur schwer ins Leben zurück. Als wieder eine junge Frau verschwindet, wird Detective D.D. Warren an den Tatort eines grausigen Verbrechens gerufen und stößt dort auf Flora Dane. Ist sie etwa der Schlüssel zur Rettung von weiteren vermissten Mädchen oder ist sie selbst wieder in großer Gefahr?

U.C: Ein gekonnt geschriebener Psychothriller mit überraschenden Wendungen. Der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit erhöht konstant die Spannung, so dass man von Seite 1 an direkt von der Geschichte gefesselt ist. Die Protagonisten sind einfühlsam und authentisch beschrieben, insbesondere mit Flora leidet und fühlt man mit. Eine gelungene Fortsetzung der D.D. Warren Serie!

 

 

 

So, und jetzt kommst du

Frank, Arno:
So, und jetzt kommst du
Stuttgart: Tropen, 2017
ISBN: 978-3-608-50369-2

Vater, Mutter und drei Kinder in der pfälzischen Provinz der Achtzigerjahre. Der Autoverkäufer Jürgen und seine Frau Jutta sind verschuldet, aber glücklich. Als auf einmal das „große Geld“ da ist, wandert die Familie fluchtartig nach Südfrankreich aus. Dort leben vor allem die drei Geschwister wie im Paradies, doch die Eltern benehmen sich immer seltsamer – bis ein Zufall enthüllt, dass der Vater ein Hochstapler ist. Er hat das Geld unterschlagen und bereits aufgebraucht, als sich die Schlinge enger zieht. Im letzten Moment flieht die Familie vor dem Zugriff der Behörden und die Jagd durch Europa geht weiter. Es ist ein freier Fall auf Kosten der Kinder, bis es unweigerlich zum Aufprall kommt.

A.Z.: Arno Frank erzählt in bildreicher und ausdrucksstarker Sprache die Geschichte seiner Familie. Was zunächst scheinbar als spannendes Abenteuer beginnt, entwickelt sich mehr und mehr zum Albtraum. Und die Gratwanderung zwischen Komik und Tragik fesselt den Leser mehr und mehr, bis schließlich klar wird, dass an dieser Geschichte rein gar nichts komisch ist. Ein toller Debütroman!

 

 

Pieter Posthumus, Fall 1 – 3

Bolt, Britta
Pieter Posthumus, Fall 1 – 3
Hamburg: Hoffmann und Campe 2015 – 2017

Er ist kein Polizist, kein Privatdetektiv - und trotzdem dreht sich in seinem Leben alles um den Tod. Pieter Posthumus (der Name ist Programm) kümmert sich bei der Stadt Amsterdam um die einsamen Toten - Menschen ohne Angehörige, Menschen, die keiner vermisst - und richtet ihnen ein würdiges Begräbnis aus, mit Musik und Gedichten. Bei seinen Recherchen stößt er auf so manche Ungereimtheit, wie z. B. in seinem ersten Fall: „Im Büro der einsamen Toten“. Beim Tod eines marokkanischen Emigranten geht die Polizei von einem Unfall aus und legt den Fall schnell zu den Akten. Pieter Posthumus ist skeptisch und ermittelt auf eigene Faust.

Sein zweiter Fall „Das Haus der verlorenen Seelen“ führt in mitten in das dunkle Gassengewirr des Amsterdamer Rotlichtviertels. Pieter Posthumus glaubt nicht daran, dass Marloes, die etwas seltsame, aber grundgütige Wirtin einer Pension eine zweifache Mörderin sein soll.

In seinem dritten, brandneuen Fall „Der Tote im fremden Mantel“ untersucht er den Tod eines Junkies, der einen viel zu vornehmen Kamelhaarmantel trägt. Und dieser Mantel führt ihn direkt zu einem Teilnehmer der großen Umweltkonferenz, die gerade in Amsterdam stattfindet.

A.Z.: Diese Romane sind eine einzige Liebeserklärung an die Stadt Amsterdam. Liebevolle Milieuschilderungen, sympathische Personen und ein ungewöhnlicher Erzählstil machen alle drei Romane zu einer lohnenden Lektüre jenseits der gewohnten Krimikost.

 

 

Mischpoke!

Zuckermann, Marcia
Mischpoke!
Frankfurt: Frankfurter Verlagsanst., 2016
978-3-627-00229-9

Samuel Kohanim, Oberhaupt einer der ältesten jüdischen Familien im westpreußischen Osche, ist durchschnittliches Unglück gewöhnt. Seine Frau Mindel, schroff und wortkarg von Natur, gebar ihm sieben Mädchen. Die »sieben biblischen Plagen«, wie die Kohanim-Töchter genannt werden, strapazieren die väterliche Geduld. Aber ein männlicher Stammhalter fehlt, denn der Kronprinz stirbt am 10. März 1902, kurz nach seiner Geburt. Nach den Erschütterungen des Ersten Weltkrieges sucht die Familie Kohanim Zuflucht in Berlin. Auch die protestantische Oda, eine Freundin der Familie, hat es in die Hauptstadt verschlagen. Im Laufe der in den 1930er Jahren anbrechenden schweren Zeiten verbindet sich Odas Schicksal endgültig mit jenem der Familie Kohanim, deren Stammbaum die unterschiedlichsten Triebe ausbildet, jüdische wie nicht-jüdische, nationalistische wie kommunistische.

A.Z.: Eine pralle turbulente Familiensaga, die das Leben einer jüdisch-christlichen Familie in Westpreußen und Berlin erzählt, spannend und tragikomisch, selbstironisch und humorvoll mit jüdischem Witz und erfrischender Berliner Schnauze, ein echtes Lesevergnügen.

 

 

Die Spuren meiner Mutter

Picoult, Jodi:
Die Spuren meiner Mutter
München: Bertelsmann, 2016
978-3-570-10236-7

Die dreizehnjährige Jenna sucht ihre Mutter. Alice Metcalf verschwand zehn Jahre zuvor spurlos nach einem tragischen Vorfall im Elefantenreservat von New Hampshire. Nachdem Jenna schon alle Vermisstenportale im Internet durchsucht hat, wendet sie sich in ihrer Verzweiflung an die Wahrsagerin Serenity. Zusammen machen sie den abgehalfterten Privatdetektiv Virgil ausfindig, der damals als Ermittler mit dem Fall der verschwundenen Elefantenforscherin Alice befasst war. Mit Hilfe von Alices Tagebuch, den damaligen Polizeiakten und Serenitys übersinnlichen Fähigkeiten begibt sich das kuriose Trio auf eine spannende und tief bewegende Spurensuche – mit verblüffender Auflösung.

T.B.: Jodi Picoult hat einmal mehr einen packenden, spannenden, berührenden, fantastisch recherchierten Roman vorgelegt, der mich bis zum Schluss gefesselt und am Ende total überrascht hat. Der gewohnte Picoult - Schreibstil mit wechselnden Personen macht den Einstieg zunächst nicht ganz leicht, aber dann packt einen die Geschichte und man kann das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Klare Lese-Empfehlung!

 

 

Evil Games - Wer ist ohne Schuld?

Marsons, Angela:
Evil Games  – Wer ist ohne Schuld?
München: Piper, 2016
978-3-492-06039-4

Ein verurteilter Vergewaltiger wird brutal ermordet. Kim Stone und ihr Team erkennen schnell, dass es sich um einen Racheakt handelt und tatsächlich gesteht das damalige Opfer Ruth die Tat. Allerdings hat Kim Zweifel an dem Geständnis und sucht Ruths Psychotherapeutin auf. Hat Alexandra Thorne Ruth manipuliert und zum Mord getrieben? Die Nachforschungen bringen Kim in große Gefahr, denn Alexandra weiß mehr über Kim, als ihr lieb ist …

U.C: Eine gelungene Fortsetzung von „Silent Scream“, dem ersten Band der britischen Autorin! Das hochspannende Katz- und Mausspiel zwischen der Ermittlerin Kim und der Psychotherapeutin Alexandra wird nicht nur Krimiliebhabern, sondern auch  Psychothriller-Fans gefallen. Angela Marsons versteht es, insbesondere auch durch  ihren flüssigen und raffinierten Schreibstil, den Leser bis zur letzten Seite zu fesseln.

 

 

Harry Potter and the Cursed Child

Rowling, Joanne K; Thorne, Jack; Tiffany, John:
Harry Potter and the Cursed Child
London: Little Brown Book Group, 2016
978-0-751-56535-5

Das Leben war nicht immer leicht für Harry Potter und auch jetzt, als überarbeiteter Angestellter des Ministeriums für Magie, Ehemann und Vater von drei Kindern, wird es nicht leichter. Besonders Albus, Harrys jüngster Sohn, macht das Vermächtnis seines berühmten Vaters schwer zu schaffen. Als Albus versucht, sich aus Harrys Schatten zu lösen, kommt es fast zur Katastrophe. Die dunklen Mächte erwachen zu neuem Leben …

U.C.:  Dies ist das Script zu einem Theaterstück, das gerade im Londoner Westend angelaufen ist. Es ist die achte Harry Potter Geschichte und spielt 19 Jahre nach dem Ende des siebten Bandes. Während die besondere Buchform zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist, konnte man der Geschichte von Anfang an gut folgen und regelrecht mit den Protagonisten mitfiebern. Ein besonderes Highlight waren die Gespräche zwischen Harry und Albus, aber auch die Entwicklung der anderen bekannten Charaktere macht das Buch zu einem echten Leseerlebnis. Für Harry Potter Fans ein Muss!
Auf Englisch bereits jetzt bei uns erhältlich. Die deutsche Ausgabe erscheint im September 2016.

 

 

Ich heiße nicht Miriam

Axelsson, Majgull
Ich heiße nicht Miriam
München: List, 2015
978-3-471-35128-4

An ihrem 85. Geburtstag bekommt Miriam Guldberg von ihrer Familie einen silbernen Armreif geschenkt, in den ihr Name eingraviert ist. Beim Anblick entfährt ihr der Satz: „Ich heiße nicht Miriam“. Niemand in ihrer Familie kennt die Wahrheit über sie. Niemand in ihrer Familie ahnt etwas von ihren Wurzeln. Doch an diesem Tag lassen sich die Erinnerungen nicht länger zurückhalten, und sie erzählt zum ersten Mal von ihrem Leben als Roma unter den Nazis, im KZ und als vermeintliche Jüdin in Schweden.

AZ: Als ausgebildete Journalistin hat sich Majgull Axelsson schon immer für gesellschaftliche Randgruppen interessiert und ihnen in ihren Büchern eine Stimme verliehen. In ihrem neuen Roman gibt sie diese Stimme den verfolgten Roma im Nationalsozialismus und im Nachkriegsschweden. Die Autorin erspart ihren Lesern keine der grausigen Lebensbedingungen im KZ, die Lektüre ist manchmal schwer zu ertragen und dennoch hat mich die Geschichte gerade wegen der intensiven Darstellung so gefesselt, dass ich dieses Buch auch unseren Lesern ans Herz legen möchte. Es ist ein zutiefst beeindruckendes Zeugnis vom  unbedingten Überlebenswillen eines Menschen, der als Roma immer ein Ausgestoßener war.

 

 

Silent Scream - Wie lange kannst du schweigen?

Marsons, Angela:
Silent Scream – Wie lange kannst du schweigen?
München: Piper, 2016
978-3-492-06034-9

Bei archäologischen Ausgrabungen im Black Country werden menschliche Überreste geborgen, die in Zusammenhang mit dem in der Nähe liegenden, alten Kinderheims Crestwood zu stehen scheinen. Eine der ehemaligen Angestellten wurde bereits ermordet und auch das Leben der verbliebenden ist in Gefahr. Detektive Inspector Kim Stone von der West Midlands Police wird mit der Aufklärung des Falls betraut. Noch ahnt sie nicht, dass sie sich den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss und ihr eigenes Leben in Gefahr gerät, als sie immer tiefer in die dunklen Geheimnisse von Crestwood eindringt …

U.C.: Dies ist das erste Buch der britischen Autorin Angela Marsons, die mit der Polizistin Kim Stone eine überzeugende, aber nicht immer sympathische Figur erschaffen hat. Doch gerade das lässt den Roman besonders glaubhaft wirken. Die Handlung ist durchweg spannend und anschaulich geschildert und macht das Buch zu einem echten „Pageturner“, den man gar nicht mehr weg legen möchte. Ein gelungenes und empfehlenswertes Krimidebüt!

 

 

Spur 24

Kaes, Wolfgang:
Spur 24
Hamburg: Rowohlt POLARIS, 2014
978-3-499-24749-1

Die ehemals erfolgreiche Reporterin Ellen Rausch greift nach einem privatem und beruflichen Absturz nach dem letztem Strohhalm: Sie wird Lokalreporterin in ihrer Heimatstadt Lärchtal, einer kleinen Stadt in der Eifel, die sie seit 31 Jahren nicht mehr besucht hat. Doch statt von Schützenfesten und Kindergarteneröffnungen zu berichten, stößt sie auf den ungeklärten Fall der vor 16 Jahren verschwundenen Ursula Gersdorff. Schnell wird aus dem Vermisstenfall ein Mordfall, bei dessen Aufklärung Ellen Rausch zahlreichen Lokalpolitikern und anderen einflussreichen Bürgern Lärchtals gewaltig auf die Zehen tritt und sich selbst in Lebensgefahr bringt …

U.C.: Dieser Roman basiert auf einem tatsächlichen Vermisstenfall, auf den der Autor durch Zufall aufmerksam wurde und dem er selbst akribisch nachging. Er erfand die Reporterin Ellen Rausch, um diesem Fall die passende Rahmenhandlung zu geben. Wolfgang Kaes ist Journalist und leitender Redakteur des Bonner Generalanzeigers. Die berufliche Erfahrung merkt man dem ausgezeichnet recherchierten und flüssig geschriebenen Buch an. Es ist spannend, an keiner Stelle langatmig, mit gut gezeichneten Charakteren und einer schlüssigen Handlung, bei der man sich immer wieder fragt, was ist Wirklichkeit und was Fiktion.

 

 

Silo

Howey, Hugh:
Silo
München : Piper, 2013
978-3-492-05585-7

In einer feindlichen, zerstörten Umwelt gibt es nicht mehr viele Menschen. Sie haben sich in ein riesiges Silo unter der Erde geflüchtet. Um zu überleben, müssen sie die strengen Regeln des Silos befolgen. Aber einige Wenige tun das nicht. Sie sind gefährlich. Sie wagen es zu hoffen und zu träumen und stecken andere mit ihrer Hoffnung an. Ihre Strafe ist einfach und tödlich. Sie müssen nach draußen. Raus aus dem Silo. Juliette ist eine von ihnen. Vielleicht ist sie die Letzte.

TB: Sobald man sich als Leser nach den ersten Seiten mitten im Silo wiederfindet, nimmt die Geschichte rasant an Fahrt auf. Eine packende Mischung aus düsterer Zukunftvision und atemberaubendem Thriller voller Geheimnisse, klug konstruiert und bis ins Detail durchdacht. Herausragend aus der Schwemme an Dystopien auf dem Markt. Öfter habe ich um das Leben der Protagonistin gebangt, als sie beginnt, dem Geheimnis des Silos auf den Grund zu gehen. Nebenbei, die Frage nach dem Wesen des Menschen und der Gesellschaft. Auf Zombies und Mutationen wird ausnahms- und angenehmerweise verzichtet - der Mensch ist auch ganz gut selbst Feind des Menschen. Klasse, unbedingt lesen!

 

 

Stimmen

Poznanski, Ursula:
Stimmen
Tübingen : Wunderlich, 2015
978-3-8052-5062-7

Ein junger Arzt wird tot im Behandlungsraum einer Psychiatrie gefunden. Auf seiner Brust sind kunstvoll bunte Plastikmesser drapiert, und in seinem Hals steckt eine Stahlschiene. Doch schnell stellt sich heraus, dass der Mann bereits tot war, bevor er von dem Metall durchbohrt wurde. Den Kommissaren Beatrice Kaspary und Florin Wenninger bleibt nichts anderes übrig: Sie müssen alle Personen auf der Station befragen. Doch die Ärzte sind nicht sehr redselig und die Patienten schwer gestört. Besonders Jasmin Matheis, die kein Wort spricht, seit man sie gefunden hat. In dieser bedrückenden Atmosphäre eskalieren die Gefühle, nicht nur die der Patienten, sondern auch die zwischen Florin und Beatrice. Dann stirbt eine Patientin ...

TB: Die Antwort auf die immer gleiche Frage nach dem Täter, bleibt bis zum Schluss im Dunkeln - unglaublich spannend, fesselnd, gut recherchiert mit detaillierten Beschreibungen und glaubwürdigen Erklärungen, ohne langweilig zu werden. Schön auch die persönliche Weiterentwicklung der Hauptpersonen. Kein Gemetzel, angenehm unblutig, dafür aber umso spannender und mysteriöser, bis endlich die Auflösung kommt, mit der man so gar nicht gerechnet hat.

 

 

Die Schatten von New Orleans

Becker, Oliver
Die Schatten von New Orleans

München: Bookspot, 2014
ISBN 978-3-937357-90-4

New York um 1870. Cynthia Crane, das Hausmädchen der angesehenen Familie van Buren, hat ein großes Geheimnis: Sie liebt den Sohn des Hauses. Doch statt in den Armen des Liebhabers landet Cynthia als unschuldig verurteilte Schmuckdiebin hinter den Mauern des berüchtigten New Yorker Gefängnisses "Rabennest"... Alle Verbindungen zu ihrem bisherigen Leben lösen sich auf rätselhafte Weise in Luft auf. Während sie allein und verlassen den brutalen Gefängnisalltag erduldet, erkennt Cynthia, dass viel mehr hinter ihrer fingierten Verurteilung steckt als eine verbotene Liebe. Unter spektakulären Umständen gelingt ihr die Flucht. Damit beginnt eine gefährliche Odyssee durch Opiumhöhlen, Gaunerspelunken und die Salons der ehrenwerten Gesellschaft. Von New York bis nach New Orleans und in die düsteren Sümpfe Louisianas. Cynthia trifft auf Wahrsager, Hafenpiraten und Betrüger. Wem kann sie trauen? Was will der alte Voodoo-Priester von ihr? Und was hat die Engelsfeder zu bedeuten?

AZ: Oliver Becker nimmt seine Leser mit auf eine spannende Abenteuerreise in den Süden Amerikas. Gekonnt erzählt, mit interessanten Charakteren und überraschenden Wendungen ist das Buch ein echter Pageturner von der ersten bis zur letzten Seite.

 

 

Madame Mallory und der Duft von Curry

DVD
Madame Mallory und der Duft von Curry

Constantin Film AG : München
2014

Hassan Kadam ist ein außergewöhnlich talentierter junger Koch mit dem Äquivalent zum "absoluten Gehör" - dem "absolutem Geschmack". Nachdem er Indien verlassen muss, eröffnet er in Frankreich ein typisch indisches Restaurant. Innerhalb kurzer Zeit entwickelt sich zwischen ihm und einem nahegelegenen Sternerestaurant ein kulinarischer Kleinkrieg ...

SW: Ein herrlicher Film, der das Herz berührt. Aus einer vorurteilsbeladener Feindschaft wird nach und nach eine innige und wertschätzende Freundschaft. Man fiebert mit, schüttelt den Kopf, und ist die meiste Zeit amüsiert. Aber Achtung: die tollen Bilder der kulinarischen Köstlichkeiten machen Hunger!

 

 

Einfach unvergesslich

Coleman, Rowan:
Einfach unvergesslich
München [u.a.]: Piper, 2014
ISBN 978-3-492-06001-1

Die junge und selbstbewusste Claire erkrankt mit Anfang 40 an einer Frühform der Alzheimer Demenz. Für sie und ihre Familie beginnt eine schwere Zeit, in der sich alle Familienmitglieder auf ihre Weise mit der Krankheit beschäftigen müssen. Ehemann Greg, von dem sich Claire mehr und mehr zurückzieht, Mutter Ruth, die wieder bei ihrer Tochter einzieht, Tochter Caitlin, die ihre Mutter gerade jetzt dringend braucht und das Nesthäkchen Esther, die gar nicht versteht, warum ihre Mutter plötzlich so „komisch“ ist. Ein Erinnerungsbuch hilft der Familie, die schwierige Zeit zu bewältigen.

UC: Abwechselnd aus der Sicht der verschiedenen Protagonisten beschrieben, bekommt der Leser Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der einzelnen Familienmitglieder und kann auch die Vorgänge während der Alzheimer Erkrankung gut nachvollziehen. Die Thematik dieses Buch lässt eine traurige Geschichte vermuten. Aber dem ist nicht so. Zwar berührend, aber überwiegend heiter, macht der Roman Mut sich dieser Krankheit und ihren Folgen zu stellen.

 

Wir sehen uns dort oben

Lemaitre, Pierre:
Wir sehen uns dort oben

Stuttgart: Klett-Cotta, 2014
978-3-608-98016-5

Frankreich 1918: In den letzten Kriegstagen rettet der Soldat Édouard in letzter Sekunde das Leben seines Kameraden Albert, wird dabei aber so schwer entstellt, dass er nicht zu seiner Familie heimkehren will. Aus Dankbarkeit verschafft Albert ihm eine neue Identität und kümmert sich nach dem Krieg um ihn. Er ahnt nicht, in was für Schwierigkeiten er sich damit begibt. Denn wovon sollen sie leben? Ohne Papiere steht ihnen nichts zu. Da kommt Édouard, der gut zeichnen kann, auf die Idee, Kriegsdenkmäler zu entwerfen, die jedoch nie in die Produktion gehen sollen. Er ahnt nicht, dass einer der Käufer seiner nicht existenten Denkmäler sein eigener Vater ist.

A.Z.: Kriegsromane sind durchaus nicht mein bevorzugtes Genre – schon gar nicht die über den 1. Weltkrieg. Und ich gebe zu, dass die Schilderungen der Kriegsgräuel nicht leicht zu verkraften sind. Dennoch hat dieses Buch alles, was für mich zu einem guten Roman gehört: Es ist tragisch, traurig, witzig, spannend und vor allem – großartig erzählt.

 

Die Lügen der anderen

Billingham, Mark:
Die Lügen der anderen
Zürich: Atrium, 2014
978-3-85535-054-4

In einer Ferienanlage in Florida treffen drei britische Paare aufeinander und freunden sich an. Ihre Urlaubsfreude wird am letzten Tag allerdings durch das Verschwinden eines Mädchens, das später tot im Sumpf gefunden wird, getrübt. Die geschockten Paare beschließen, auch nach ihrer Rückkehr nach England in Kontakt zu bleiben. Die gemeinsamen Abendessen werden aber von Mal zu Mal merkwürdiger und spannungsgeladener. Geheimnisse, die besser im Verborgenen geblieben wären, kommen zutage. Als dann in ihrer Nähe wieder ein Mädchen verschwindet, schaukelt sich die Situation hoch und führt zu einem fatalen Ende.

U.C.: Ein ungewöhnlicher Psychothriller, der insbesondere bei den gemeinsamen Abendessen fast wie ein Kammerspiel inszeniert ist. Durch Rückblicke in die gemeinsame Floridazeit und Einblicke in die Gedankenwelt des Mörders baut sich eine subtile Spannung auf, so, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Der fulminante Höhepunkt des Buches und das anschließende überraschende Ende machen diesen Roman zu einem echten Highlight für Fans des Genres!

 

The Silkworm

Galbraith, Robert:
The Silkworm
London: Sphere, 2014
978-1-408-70402-8

Der zweite Fall für Cormoran Strike und seine Assistentin Robin. Acht Monate sind vergangen, seitdem Cormoran durch die Aufklärung des Mords am Model Luna Landry zu einer Berühmtheit in der Londoner Detektivszene geworden ist. (s. „Der Ruf des Kuckucks“). Diesmal wird er gebeten, den verschwundenen Schriftsteller Owen Quine zu finden. Was zunächst nach Beziehungsproblemen aussieht, entpuppt sich schnell als  ungewöhnlicher Kriminalfall. Cormoran Strike taucht ein in die undurchsichtige Welt der Londoner Schriftsteller- und Verlagsszene und begegnet einem Geflecht von Lügen und Intrigen. Als Owen Quine dann unter bizarren Umständen brutal ermordet aufgefunden wird, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, um den kaltblütigen Mörder zu finden.

U.C.: Auch der zweite Teil der Cormoran Strike Serie enttäuscht nicht. Robert Galbraith alias Joanne Rowling versteht es geschickt, die Leser durch glaubhafte Charaktere, eine spannende Handlung und unerwartete Wendungen zu fesseln. Dank des lebendigen Erzählstils der Autorin kann man sich wunderbar mit den Akteuren identifizieren und hat das Gefühl, die beschriebenen Orte vor sich zu sehen. Eine rundum gelungene Fortsetzung!

Die deutsche Übersetzung erscheint im November 2014 unter dem Titel: „Der Seidenspinner“.

 

Das Krokodil

De Giovanni, Maurizio
Das Krokodil
Reinbek bei Hamburg: Kindler, 2014

„Drei junge Menschen werden tot aufgefunden, kaltgemacht durch ein und dieselbe Waffe. Den Täter nennt die Presse nur „das Krokodil“, weil er an jedem Tatort ein Taschentuch mit Tränenflüssigkeit hinterlässt. Weint er Krokodilstränen um seine Opfer?

Inspektor Lojacono wurde von Sizilien nach Neapel strafversetzt. Jetzt sitzt er in einem tristen Polizeibüro und dreht Däumchen. Bis die schöne Staatsanwältin Laura Piras sein Talent erkennt und ihn mit dem Fall betraut. Und so treffen sie in einem morbiden Neapel aufeinander: Der Inspektor und der Killer. Ein neues Kapitel des ewigen Kampfes zwischen Gut und Böse hat begonnen.

Dieses Buch ist der Beginn einer neuen Serie um Inspektor Lojacono und gewann den wichtigsten italienischen Preis für Kriminalromane, den Premio Scerbanenco.“

AZ.: In der Presse höchst kontrovers besprochen ist es für mich ein spannender Krimi, ohne blutrünstige Details und ohne die übliche Brutalität, der trotzdem von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und den ich an einem Tag verschlungen habe. Die Fortsetzungen lassen hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten.

 

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